Tagungshaus
Leo XIII. nahm im 19. Jahrhundert in der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum“ die Dampfmaschine und die damit verbundene industrielle Revolution in den Blick. Sein Nachfolger Leo XIV. schaut 135 Jahre später in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ auf eine ähnlich einschneidende Erfindung: die Revolution durch Künstliche Intelligenz.
Das bemerkenswerte an der Enzyklika offenbart sich darin, dass Leo XIV. Künstliche Intelligenz nicht verteufelt, sondern unterscheidet, wozu und wie diese benutzt wird. Technologie sei demnach zunächst ein „Werkzeug“. Ob dieses Werkzeug für gute oder schlechte Zwecke genutzt werde, hänge von seiner Konzeption, Regulierung, Finanzierung und Nutzung ab. Wir sind der Technologie folglich nicht ausgeliefert, sondern entscheiden, ob wir mit Künstlicher Intelligenz den Turm zu Babel bauen oder das himmlische Jerusalem. Nicht die Technologie steht am Pranger, wie es sonst im eher technologieaversen katholischen Umfeld häufig der Fall ist, sondern die Frage des Umgangs mit diesen Technologien: Leo XIV. stellt somit die Machtfrage.
Die Enzyklika arbeitet sich nicht an der Frage ab, ob Künstliche Intelligenz moralischen Werten folgt – dies ist lediglich eine Frage der Programmierung – sondern schaut kritisch darauf, wer diese Werte festlegt. Wer hält die Hebel in der Hand und steuert? An dieser Frage nach der Ausübung von Macht zeigt sich die politische Dimension Künstlicher Intelligenz. Ist es ethisch betrachtet sinnvoll, dass ein paar Technologieoligarchen darüber entscheiden oder sollte es nicht vielmehr ein demokratischer Prozess sein? Hier legt Leo XIV. den Finger in die Wunde, wenn er verdeutlicht, dass die Letztverantwortung immer von der Menschheit getroffen werde müsse. Dies könnte eine große Chance für eine Regulierung der Europäischen Union bedeuten. Ähnlich wie beim Datenschutz sollte auf diese Weise ein demokratisch legitimierter Wertekodex festgelegt werden, der die Macht nicht wenigen Technologieoligarchen überlässt.
Papst Leo XIV. legt mit seiner neuen Enzyklika den Finger in die Wunde. Warum wir Entscheidungen über Künstliche Intelligenz nicht wenigen Technikoligarchen überlassen dürfen, erläutert Robert Kläsener in seinem Stand•PUNKT.