09.07.2026

Deutschland – wertgeschätzt und reformfähig?

Was ich an Deutschland schätze? Zunächst einmal Demokratie, Rechtsstaat, Schutz der Menschenrechte, die gewährte Freiheit und den Sozialstaat. Manchmal öffnen einem erst Kontrasterfahrungen, Aufenthalte in Ländern, in denen diese Freiheiten und Sicherheiten gerade nicht gewährt werden, einem die Augen für diese Fundamente unseres Zusammenlebens – und für das unverdiente Glück, in einem westlichen Industrieland geboren worden zu sein.

Ferner schätze ich an Deutschland, dass es schon immer wusste, mit Vielfalt umzugehen: Preußen, Sachsen, Holsteiner, Franken, die Liste ist lang, welche unterschiedliche Kulturen sich bis heute bewahrt haben und dennoch miteinander auskommen (müssen), sogar in demselben Bundesland. Zudem schätze ich an Deutschland, dass es sich nach Weltkriegen versöhnen konnte, etwa mit dem damaligen „Erzfeind“ Frankreich, dass es sich um des Friedens und um der wirtschaftlichen Klugheit willen in eine Europäische Union einbindet und einbringt, mitgestaltet. Und damit die eigene Souveränität in dieser Welt effektiver schützt als durch die nationalistische Isolation.

Die gegenwärtig wachsende Zustimmung zu den rechtsextremen Parteien erstaunt daher: Parteien, die sich besonders deutschtümelnd geben, aber zu deren Konzept es gehört, Deutschland schlecht zu reden - mit allerlei Falsch“informationen“ und von Russland heftig angetrieben. Dass ausgerecht die selbsternannten „Deutschland-Freunde“ unser Land herabwürdigen und schwächen gegenüber dem aggressiven Nachbar im Osten. Das reale Deutschland schlecht reden und ein erfundenes Deutschland „lieben“, absurder geht es kaum! Denn eines brauchen wir nicht: extreme Parteien, die von echten Problemen mit viel Getöse und einer selbstverliebten Ignoranz ablenken und eine gestörte Vorliebe für Symbolpolitik pflegen, die nur Hass und Zwietracht schürt.

Auch in Deutschland gibt es genug zu kritisieren, bleibt „Gesellschaft gerecht gestalten“ ein dringender und aktueller Auftrag. Notlagen und Ungerechtigkeiten gibt es genug. Allerdings ist eine Mentalität, die in extremen Polarisierungen denkt, fehl am Platz, hat das Gespür für faire Kompromisse und den Blick fürs große Ganze verloren. Die jetzt im Raum stehende Rentenreform hätte das Potenzial, Reformfähigkeit zu beweisen: sich wissenschaftlich ernsthaft beraten zu lassen, dennoch politisch zu entscheiden, notwendige, wenn auch unangenehme Entscheidungen zu treffen, und Lasten zumindest einigermaßen fair zu verteilen. Natürlich stoßen einem sofort die Reformvorschläge auf, die jemand selbst anders gewichtet hätte. Doch wenn sich möglichst viele gleich laut beschweren, scheinen die Lasten einigermaßen angemessen verteilt zu sein. Deutschland reformfähig, ohne sich die Zustimmung zu erkaufen, das wäre ein wünschenswertes Novum – auch in anderen drängenden Reformfeldern. Und gerne würde ich dieses Kriterium „reformfähig“ in die Liste „Was ich an Deutschland schätze“ aufnehmen.