Tagungshaus
Mit „Schatten des Kaiserreichs“ ist eine Studie des renommierten Historikers Eckart Conze aus dem Jahr 2020 überschrieben. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland: Diese Schatten werden dunkler, finster und bedrohlicher. Die AfD will die Zukunft Deutschlands am Kaiserreich und in überhöhter, unhistorischer Verklärung an dessen Kanzler Otto (von) Bismarck als Leitfigur orientieren. Übergangen werden – wohl absichtlich, sämtliche Lehren und Warnsignale der jüngeren deutschen Geschichte. Ignoriert wird, dass die Bundesrepublik Deutschland und ihr Grundgesetz in Abgrenzung und bewusstem Gegensatz nicht nur zur nationalsozialistischen Diktatur, sondern auch zum deutschen Kaiserreich gegründet und geschaffen wurde. „Schatten des Kaiserreichs“ sind die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, ist die nationalsozialistische Diktatur.
Conze zitiert einleitend Thomas Mann aus seiner berühmten Rede über ‚Deutschland und die Deutschen‘: „Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige Deutsche Reich preußischer Nation immer nur ein Kriegsreich sein. Als solches hat es, ein Pfahl im Fleische der Welt, gelebt, und als solches geht es zugrunde.“ (Conze 2020: 13). Mit diesem Zitat wäre eigentlich alles zur AfD und dem aufkeimenden Nationalismus gesagt. Ergänzend: Mit der Reichsgründung von 1871 rückte die Politik nach rechts: „antiliberal, antisozialistisch, antiparlamentarisch, bald auch antisemitisch“ (Conze 2020: 140) und auch antikatholisch.
Es stellt sich folglich die rätselhafte Frage, warum Bürgerinnen und Bürger eine Partei massenhaft wählen, die ausgerechnet das deutsche Kaiserreich zum Vorbild nimmt. Es ist eine alte Frage. Mitte des 16. Jahrhunderts schreibt Étienne de la Boétie einen kleinen Essay „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“. Angesichts der gerade entdeckten unbedingten Würde aller Menschen, versucht de la Boétie eine Antwort zu finden, warum die Menschen ihre Freiheit kollektiv und untertänigst einem Tyrannen in den damaligen feudalen Zeiten unterwerfen. Er schreibt – aus Selbstschutz anonym - in Zeiten des Feudalismus und der Zeit der grausamen französischen Konfessionskriege. Wenige Jahrzehnte später beginnt der „Dreißigjährige Krieg“. Eine hinreichende Antwort auf seine Frage findet de la Boétie am Ende nicht.
Was könnte uns neben der historischen Besinnung helfen, um angesichts der politischen Entwicklungen die bröckelnde Brandmauer zur AfD zu stabilisieren – Licht in die sich verfinsternde Lage zu bringen? Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die Kultusministerkonferenz beschließt, in diesem Winter in allen weiterführenden Schulen den satirischen Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann lesen und zeitgemäß interpretieren zu lassen. Besser kann man kaum den unangenehmen Untertanengeist demaskieren. Die Pointe des Romans am Schluss: Der deutsche Kaiser ist nicht nur undankbar. Ihm ist die ihn anhimmelnde Unterwürfigkeit der ergebenen Untertanen völlig gleichgültig.
Literaturhinweise:
Eckart Conze, Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe, München 2020.
Sarah Bakewell, Wie soll ich leben? Oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten, München 2025. (Dort die Abschnitte über die Freundschaft Montaigne und de la Boétie.)
Heinrich Mann, Der Untertan (zuerst 1918 veröffentlicht).
Das von der AfD proklamierte Zukunftsbild Deutschlands kommentiert nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt Detlef Herbers in seinem Stand•PUNKT.