Tagungshaus
Irreguläre Zuwanderung – in aller Munde, aber selten informiert!
Lehrkräfteseminar zur Katholischen Soziallehre wird wieder angeboten!
Sich einmal genau mit den Menschen zu befassen, die mit irregulär Zugewanderten ursprünglich gemeint sind und wie der Begriff in der heutigen Debatte benutzt wird, das war der große Spannungsbogen des Lehrkräfteseminars „Irreguläre Zuwanderung. Ordnung und Humanität“.
Die Seminarteilnehmer und -teilnehmerinnen machten sich auf den Weg, herauszufinden, wie die Kirchen und andere Gruppen überhaupt Menschen entdeckt haben, die sich ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland aufhalten und versteckt leben. Doch zuvor galt es, sich einiger grundlegender Überzeugungen der Katholischen Soziallehre zu vergewissern. Dazu galt es ein Gefecht „J.D.Vance vs. Leo XIV.“ auszufechten. Der US-amerikanische Vizepräsident bemüht nämlich seit längerem ein altes Konzept der Katholischen Soziallehre, die „ordo amoris“, das moralische Verpflichtungen stark bei der eigenen Familie und sich quasi auflösend bei anderen Notbedürftigen verortet. Schon als Kardinal hat der US-Amerikaner und heutige Papst Leo XIV. argumentativ dagegengehalten und die Pflicht zur Hilfe moderner begründet und stärker an der Bedürftigkeit ausgerichtet. Die Debatte bietet Gelegenheit zu zahlreichen Differenzierungen und half, so ein Teilnehmer, „den eigenen Standpunkt zu finden und die Katholische Soziallehre wachzuhalten und die Position der Kirche nachzuvollziehen.“
Damit war der Boden bereitet, sich dem Thema soziologisch und juristisch anzunähern. Eine Teilnehmerin wünschte sich ausdrücklich juristische Klarheit, wie mit Kindern und Jugendlichen ohne Aufenthaltsstatus in der Schule umzugehen sei – und bekam die kurz zusammengefassten juristischen Hilfen mitgeliefert. Mindestens zwei Gruppen mussten ausgeschlossen werden: Menschen mit Duldung gelten auch als „ohne Aufenthaltsstatus“, sie sind ausreisepflichtig, die juristisch nur ausgesetzt ist, solange ihnen Folter und ähnliches im Herkunftsland droht, sie leben aber offiziell in Deutschland. Geflüchtete wiederum, so haben 148 Staaten vereinbart, können auf der oft dramatischen Flucht von Verfolgung nicht beim Verfolgerstaat Ausreisepapiere beantragen und haben bei Krieg nicht die Zeit, drei bis sechs Monate auf ein Visum zu warten. Die 148 Staaten erkennen an, dass Flucht chaotisch ablaufen muss. Dafür muss ein Geflüchteter „unverzüglich“, also nach spätestens drei Tagen, seinen Antrag auf Asyl stellen – und ist damit regulär im Asylverfahren. Menschen ganz ohne Aufenthaltsstatus leben inoffiziell in Deutschland, haben keinen geregelten Zugang zu Sozialleistungen und der häufigste Wunsch ist zu arbeiten, etwa als Pflegekraft in Privathaushalten – „Ihr Verbrechen: Alte Leute pflegen!“ titelte die FR zurecht, weil Arbeit ohne Arbeitserlaubnis illegal ist. Übungen mit Radiobeiträgen, authentischen Lebensgeschichten in Comics und der „Challenge“ in einem nicht regelbasierten und nicht rechtsstaatlich geschützten Rahmen eine Schwangerschaft zu bewältigen oder den vereinbarten Lohn für geleistete Arbeit tatsächlich zu erhalten, halfen, sich in die ganz andere Lebenssituation von „Statuslosen“ einzufinden. „Ich bin als Mensch ohne Fluchterfahrung naiv an die Thematik herangegangen, hatte keine Ahnung, in welche Gewaltspiralen Menschen hineingeraten können. Das hat mich erschreckt!“, brachte es eine Teilnehmerin auf den Punkt. „Das war ein Augenöffner, mir haben besonders die Comics diese fremde Lebenswelt erschlossen!“, so ein Teilnehmer im Resümee.
Erneute Durchführung des Lehrkräfte-Seminars „Irreguläre Zuwanderung. Ordnung und Humanität“:
am Do/Fr, 17.-18. September 2026
Ausführliche Einladung zum 17.-18. Sept. 2026 HIER!
Dann stand die kniffelige Abwägung zwischen Ordnung und Humanität angesichts dieser menschlich und staatlich herausfordernden Situationen bevor. Was ist Gesinnungsethik, was ist Verantwortungsethik? Welche Abwägungen gilt es zu berücksichtigen angesichts der aktuellen Stimmungslage im Land? Ein Lösungsangebot gab es am Montag vor der Veranstaltung in der Tagesschau: Spanien führt Legalisierungen von „Statuslosen“ durch, um nicht erst für hohe Kosten abzuschieben, um dieselben Arbeitskräfte dann für erneut hohe Kosten und unsichere Erfolgsaussichten wieder anwerben zu müssen. Wie Legalisierungen bisher – auch in Deutschland – durchgeführt worden sind, welche Bedingungen sie hatten und welche ganz anderen Lösungen es noch geben könnte, war Thema im Seminar.
Spannend war es auch zu erfahren, wie die Kirchen sich aufgestellt haben, wie sie die Problemlagen überhaupt entdeckt haben. Frau Martina Liebsch, Geschäftsführerin beim Katholischen Forum Leben in der Illegalität, Berlin, konnte aktuell berichten, wie politische Lobbyarbeit der Kirche in diesem Fall aussieht, mit welchen Rückschlägen und Erfolgen. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf dem Zugang zur Schule für Kinder und Jugendliche in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität, dem Problem der „verschwundenen Kinder“ und anderen Phänomen an Berufskollegs und anderen Schulformen, die sich erst schlüssig verstehen lassen, wenn mit statuslosen Kindern und Jugendlichen gerechnet wird.
Schließlich wurde auf die aktuelle Rede von „irregulärer“ Migration eingegangen, die - wenn nicht komplett ahnungslos - versucht die Ankunft von Geflüchteten als illegal darzustellen, um die besonderen Umstände von Kriegsgeflüchteten und Verfolgten erst gar nicht ins Gedächtnis zu rufen. Wenn derzeit von „irregulärer Zuwanderung“ gesprochen wird, dann verkommt der Begriff zum Schlagwort und Kampfbegriff.
„Der heute existierende ‚Arbeiterstrich‘ in Dortmund, die Erfahrungen aus einer Schule [einer Teilnehmerin]. Diese Einblicke und dieser Austausch waren wichtig für mich und brachten ganz aktuelle persönliche Geschichten ein“, fasste eine Teilnehmerin ihre Erkenntnis zusammen. „Und ich habe auch ein paar Ideen für den Unterricht!“, so eine andere, „die Übung mit dem Lohn - damit packe ich meine Jungs sofort, den Lohn nicht bekommen, das geht gar nicht! Und trotzdem bleibt die Frage: Wie lebt man 30 Jahre in der Illegalität?“.
Ein allgemeiner Wunsch war, ein Seminar dieser Art zur offiziellen Seite von Migration und Flucht.
Erneute Durchführung des Lehrkräfte-Seminars „Irreguläre Zuwanderung. Ordnung und Humanität“:
am Do/Fr, 17.-18. September 2026
Veranstalter: Sozialinstitut Kommende Dortmund zusammen mit dem Bereich Schule und Hochschule des Erzbistums Paderborn und dem Institut für Lehrerfortbildung, Essen.
Referent:in: Martina Liebsch, Geschäftsführerin des Katholischen Forums Leben in der Illegalität (Berlin) und der Arbeitsgruppe gegen Menschenhandel der Deutschen Bischofskonferenz;
Dr. Andreas Fisch, Leiter des Fachbereichs „Wirtschaftsethik“ der Kommende Dortmund und Promotion im Fach Katholische Soziallehre zum Thema „Irreguläre Migration“.
Bei Interesse gerne hier melden: fisch@kommende-dortmund.de
Bei der erneuten Durchführung wird Dr. Fisch auch eine Anregung für eine Methode aufgreifen, um die ethische Dilemma-Lage noch besser besprechen zu können.