Kommende-Forum Superdiversität

Kindheit heute: übersehen und schutzlos

Kinder sind eine Minderheit in Deutschland geworden. Viele haben eine Migrationsgeschichte, wobei nicht nur die Herkunft zunehmend divers ist, sondern auch innerhalb der Ländergruppen gibt es eine wenig wahrgenommene Diversität. Kinder werden in einer „superdiversen“ Umwelt, in den Kitas, den Grund- und weiterführenden Schulen, groß. Welche Herausforderungen diese Superdiversität an das Schul- und Bildungssystem stellt, war Thema beim hochkarätig besetzten und überfüllten Kommende-Forum Anfang Februar.

Es ist das bekannteste Zitat eines großen Staatsmannes: „Kinder kriegen die Leute immer“. Kommende-Direktor Detlef Herbers zitierte Konrad Adenauer. In seiner Zeit war die Feststellung korrekt. Die Zeiten haben sich in einem langen Prozess radikal geändert, mit allen Konsequenzen etwa für den Generationenvertrag und das Bildungssystem. Fatal ist, dass – gerade in Sorge um die zukünftige Altersversorgung – die superdiverse Umwelt, in Kinder heute erwachsen werden, nicht in Blick kommt.

Um letzteres ging es in der Diskussionsrunde „Superdiversität als Herausforderung für das Schulsystem“. Aladin El-Mafaalani, Professor für Migrations- und Bildungssoziologie an der TU Dortmund, erklärte das Wortungetüm „Superdiversität“ am Beispiel einer Grundschulklasse. Dort lernen Kinder, die aus Syrien stammen. Sie sind allerdings keine einheitliche Gruppe. Obwohl alle Syrer, sprechen sie doch verschiedene Sprachen, gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an und gehören sieben verschiedenen Ethnien an. „Die Syrer“ gebe es folglich nicht. Die Wahrnehmung ist falsch. Gleiches gilt für andere Herkunftsländer. In der Schule hat dann diese Superdiversität überraschend zur Folge, dass die deutsche Sprache für die oft zwei- und mehrsprachigen Kinder sehr wichtig wird - als verbindende Sprache, in der sie kommunizieren können. Die sie aber erst lernen müssen.

Aladin El-Mafaalani erzählte von der Begegnung mit einem Drittklässler. Grundschüler erleben heute eine völlig andere Realität von Schule als ihre Großeltern. Das liege an drei Entwicklungen, die „man gleichzeitig in keinem anderen Land der Welt“ finde. In den 1950er Jahren war die Gesellschaft relativ homogen, was eine Konsequenz der NS-Diktatur war. „Ab den 1960er Jahren folgte eine kontinuierliche und hohe Zuwanderung“, so El-Mafaalani. Das Stichwort hier: Gastarbeiter. Gleichzeitig gab es ab den 1970er Jahren ein Geburtendefizit. Kinder bekommen die Menschen nicht mehr ganz selbstverständlich, wie es Adenauer noch dachte.

Heute, so das Fazit des Wissenschaftlers, gebe es eine kleine „und außergewöhnlich diverse jüngere Bevölkerungsgruppe“. Mit ihr arbeitet das Team der Schule am Hafen in der Dortmunder Nordstadt täglich. „Wir müssen uns pädagogisch mit den Kindern auseinandersetzten“, betont die stellvertretende Schulleiterin Sarah Gyulay. Sie empfinde das als „Segen“. Zudem wolle man nicht von Problemen sprechen, sondern von Potenzialen. „Deshalb müssen wir jedes Kind kennen.“ Das Ziel sei es, Mädchen und Jungen zum eigenverantwortlichen Handeln zu ermutigen.

Dabei könne, so die Erfahrung von Aladin El-Mafaalani, Mentoren wie Lesepatinnen und -paten helfen. Allerdings müsse deren Einsatz koordiniert werden - zu Wohle der Kinder. Ebenfalls nicht vernachlässigen dürfe man die Schulgebäude an sich. Vor allem Grundschülerinnen und -schüler verbringen durch den Offenen Ganztag viel Zeit in der Schule. Saubere Toiletten und gute Stühle dürfen deshalb kein Luxus sein. „Das wollen Sie an Ihrem Arbeitsplatz auch.”

Sarah Gyulay und Aladin El-Mafaalani wurden in ihren Ausführungen immer wieder vom Applaus des zahlreichen Publikums im voll besetzten Saal der Kommende Dortmund unterbrochen. Prof. Dr. Aladin Mafaalani betonte zum Abschluss: Alle Kritikerinnen und Kritikern von Zuwanderung, so die Erfahrung des Wissenschaftlers und viel gelesenen Publizisten, könne man mit einem einzigen Argument allen Wind aus den Segeln nehmen: „Diese Kids sind die einzigen, die wir haben. Es gibt nicht mehr und keine anderen“

(Text: Wolfgang Maas/Der DOM; Detlef Herbers)