Tagungshaus
„Demokratiefeinde sind auch Feinde eines kritischen Journalismus.“ führte Detlef Herbers, Direktor der Kommende Dortmund, in den Abend ein. Geplant vor über einem Jahr habe das Thema angesichts der politischen Entwicklung hohe Relevanz.
Impulsgeber bei diesem Kommende-Forum waren Prof. Dr. Claudia Nothelle, seit 2017 Professorin für Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg- Stendal, sowie Florian Eder, der seit diesem Jahr Chefredakteur der Neuen Züricher Zeitung in Deutschland ist.
Welche Macht haben Fernsehbilder?
Prof. Dr. Nothelle stellte ihrem Impuls die Frage voran, welche Macht Fernsehbilder haben. Die Aussagen dazu würden zwischen „Das Fernsehen stirbt“ bis „Das Fernsehen ist stärker denn je“ variieren. Einleitend dazu lud sie die rund 100 Anwesenden ein, sich zu erinnern, welches Bild sie vom 9. November 1989 – dem Tag des Mauerfalls – im Kopf haben und kam später auf dieses und andere Bilder zurück.
Nothelle nannte Umfragezahlen zum Vertrauen der Bürger:innen in die Fernsehberichterstattung (61% bejahen dies), lies aber auch nicht unerwähnt, dass das lineare Fernsehen in der Altersklasse 14-29 Jahre nur noch zu 25% Informationsquelle ist. Sie räumte ein „Das Fernsehen ist nicht mehr das Lagerfeuer, um das sich alle versammeln.“
Bilder als Türöffner des Arguments
Die Landtagswahlen im Herbst 2026 in Sachsen Anhalt seien ein Testfall für das Fernsehen und die Hoheit über Bild und Ton gewesen. Aus ihrer eigenen Tätigkeit berichtete sie von Studierenden, die mit einem offenen Format – also nicht in geschlossenen Räumen – die Wahl begleitet haben und damit Bilder geschaffen hätten, die auch die übrigen Medien aufgegriffen haben. Falsch sei aber die Aussage, das Fernsehen trage die Verantwortung für das Wahlergebnis. Hier würde das Medium überschätzt. Bilder seien auch nicht das Gegenteil zum Argument, sondern sein Türöffner: Später wies sie darauf hin, dass die Wirkung einer Information zu 4/5 auf dem Bild und nur zu 1/5 auf dem Text beruhe.
Die Rückmeldung eines Zuschauers, ihre Berichterstattung aus Afghanistan habe sein Bild von den Taliban geprägt, habe sie noch einmal ihre eigene Berichterstattung reflektieren lassen. Darum sei es so wichtig – auch gegen KI-generierte Bildfluten – als Berichterstatterin vor Ort zu sein, sichtbar zu sein für Zuschauer:innen am Ort des Geschehens, auszuwählen und zu gewichten, was wie gezeigt wird. Ein Verbot für ausländische Journalist:innenen im Gaza-Streifen zu arbeiten, führe nicht dazu, dass es keine Bilder gebe: Die Bilder machten nur andere.
Die Bilder, die sie den Anwesenden immer wieder ins Gedächtnis rief (der Kniefall von Brand, der Mauerfall, das tote geflüchtete Kind am Strand und andere) führte dem Publikum vor Augen, wie sehr Bilder Erinnerungen stärker als der Text prägen – auch wenn dieser ursprünglich zum Verständnis der Situation wichtig war.
Journalist:innen als Wegweiser durch die Flut der Informationen
Da Florian Eder aus persönlichen Gründen seine Teilnahme kurzfristig absagen musste, wurde sein Beitrag von dem Moderator des Abends Gregor Christiansmeyer verlesen. Anders als Prof. Dr. Nothelle setzt Eder stärker auf den Text als journalistisches Medium. Nach seiner Auffassung sind drei Entwicklungen zukünftig entscheidend: Wie informieren sich die Bürger:innen? Wie kommuniziert Politik und wie funktioniert die Öffentlichkeit. Da z.B. durch die Politik zunehmend die Bürger:innen mit Aussagen „geflutet“ werden, zieht er das Resümee, dass der Journalismus Knappheit herstellen und dafür den Kern herausarbeiten und Orientierung bieten muss, also quasi Wege durch den Dschungel der (Fehl-)Informationen bahnt. Wirkung dürfe nicht mit Reichweite verwechselt werden. Er setze auf den bewussten Konsumenten und nicht Millionen Klicks.
Prof. Dr. Nothelle gefragt, was sie und Herrn Eder unterscheide bzw. wo sich ihre Ansätze decken, führte aus, dass Eder vom Interessierten ausgehe. Beide legen Wert darauf, dass es Aufgabe von Journalist:innen ist, zu prüfen, Quellen zu checken und durch die Auswahl – so Eder – letztlich Orientierung zu geben.
Im weiteren Verlauf des Abends schlossen sich zahlreiche Fragen der Besucher:innen an Prof. Dr. Nothelle an. So verwies ein Teilnehmer darauf, dass die AfD alle Institutionen angreife, die das Vertrauen der Bürger:innen genießen wie das Bundesverfassungsgericht oder die öffentlich- rechtlichen Rundfunkanstalten. Seine Frage, wie man diese Institutionen stärken könne, beantwortete die Referentin mit dem Transparenzgebot, also dem Ansatz möglichst deutlich zu machen, wie es zur Informationsgrundlage kam. Eine neuere Richtung des Journalismus, der sogenannte konstruktive Journalismus, stelle außerdem neben den herkömmlichen W-Fragen die Frage: Wie kommt man aus dieser Situation raus? Im Austausch berichtete ein Besucher außerdem über eine negative Erfahrung mit Journalismus: Er habe der hiesigen Tageszeitung eine falsche Berichterstattung nachgewiesen, jetzt würden seine Leserbriefe nicht mehr veröffentlicht.
Die Diskussion war insgesamt sehr rege und wurde im Anschluss bei einem Imbiss im Restaurant der Kommende Dortmund auch mit der Referentin fortgeführt. Der Relevanz von gut recherchierter Berichterstattung und nachwirkenden Bildern war allgemeiner Konsens – diskutiert wurde allerdings, wie dies auch zukünftig zu erreichen sei.
Text: Martina Luft