Wer für die Sache brennt, zeigt auch Einsatz

Entrepreneurship-Seminar im Interview des IHK Magazins Ruhr Wirtschaft 4/2026

Jungen Menschen das Berufsleben näherbringen, ihnen Perspektiven aufzeigen und ihr Selbstbewusstsein stärken: Das sind die Hauptziele einer ganz besonderen Kooperation. Im Doppelinterview mit der IHK zu Dortmund berichten Anika Heydenreich (ArtWork Merchandising GmbH) und Robert Kläsener (Kommende-Stiftung beneVolens) wie das genau funktioniert.

Frau Heydenreich, Herr Kläsener, wie kommen ein auf Heavy Metal, Punk Rock und Hardcore spezialisiertes Textildruckunternehmen und eine Stiftung mit katholischem Hintergrund zusammen?

Robert Kläsener: Daran ist die Dortmunder Wirtschaftsförderung „schuld“: Sie hat die beiden Institutionen dankenswerterweise zusammengebracht. Zum Hintergrund: Für unser Entrepreneurship-Seminar an der Hauptschule Scharnhorst waren wir als Stiftung auf der Suche nach einen Merchandising-Unternehmen in der Region. Also hat die Betriebsakquisiteurin der Wirtschaftsförderung an der Hauptschule Scharnhorst, Anastasia Rudi, den Kontakt hergestellt.

Anika Heydenreich: Wir waren gleich Feuer und Flamme. Ich persönlich bin für solche Projekte ohnehin offen, da ich es auf meinem beruflichen Weg selbst nicht immer leicht hatte. Und heute finde ich es nicht zuletzt als Mutter wichtig, dass Kinder und Jugendliche möglichst früh mit Themen wie Wirtschaft und Beruf in Kontakt kommen und Praxiserfahrungen sammeln.

Wie sah denn der erste Kontakt mit den Jugendlichen und Art Worx aus?

Heydenreich: Zum Startschuss kamen im vergangenen Oktober mehrere Schülerinnen und Schüler in den Betrieb und haben sich bei uns umgeschaut. Die meisten haben sicherlich zum ersten Mal einen Fuß in ein Unternehmen gesetzt. Uns war wichtig, ihnen zu zeigen, dass sie hier ernst genommen werden.

Kläsener: Die Idee hinter dem Seminar ist, dass junge Menschen erkennen, wie ein Unternehmen als Gesamtheit vieler miteinander abgestimmter Strukturen funktioniert. Sie sollen vor Ort sehen und begreifen, dass die verschiedenen Zahnräder, sprich: Abteilungen und Teams, ineinandergreifen müssen, damit am Ende ein erfolgreiches Produkt oder eine Dienstleistung steht.

Heydenreich: Der oft bemühte Begriff des „Teamworks“ wird hier für die Jugendlichen konkret und lebendig. Sie lernen, dass nicht einer wichtiger ist als der andere. Alle werden gebraucht. Sie erleben, dass jeder Fähigkeiten mitbringt. Gemeinsam finden wir heraus, wo ihre Stärken liegen und wie sie diese einbringen können.

Welche Erfahrungen hat die Stiftung bislang mit dem Seminar gemacht?

Kläsener: Die Erfahrungen sind sehr positiv, deswegen führen wir die Seminare ja bereits seit neun Jahren durch. Den Anfang machte 2017 die Schule am Koppelteich in Kamen mit einer Kooperation mit dem Unternehmen La Mer Cosmetics. Dieses Projekt lief sechs Jahre lang mit verschiedenen Klassen. 2021 folgte die Gesamtschule Scharnhorst mit dem Lernbauernhof Schulte-Tigges als Partner. Seit 2024 besteht eine Kooperation zwischen der Jeanette-Wolff-Schule am Mengeder Markt und Malzers Backstube. Mit der Hauptschule Scharnhorst und Art Worx haben wir also das vierte Projekt dieser Art ins Leben gerufen.

Wie viele Schülerinnen und Schüler machen mit?

Kläsener: Es sind jeweils zwischen acht und 20 Jugendliche der Klassen 8 beziehungsweise 9. Ein Schuljahr lang treffen sie sich in einer AG und entwickeln ihre eigene Schülerfirma. Natürlich geschieht dies freiwillig, es ist kein Pflichtunterricht. Die Hauptschülerinnen und -schüler aus Scharnhorst planen, unter dem Namen Omni Merchandise-Artikel wie Flaschenöffner, Einkaufschips oder Lesezeichen zu fertigen und diese dann lokalen Unternehmen als Werbemittel anzubieten. Die Schule verfügt über 3D-Drucker und CNC-Fräsen, deswegen lag auch die Business-Idee im Merchandising-Bereich nahe.

Heydenreich: Geplant ist unter anderem auch eine Einkaufstasche, wo dann wir als Textilspezialist ins Spiel kommen.

Kläsener: Außerdem lernen die Jugendlichen auch die wirtschaftlichen Grundlagen in der praktischen Anschauung. Dazu gehört unter anderem, dass bei einem Verkaufspreis von, sa-
gen wir, 20 Euro der Reingewinn natürlich sehr, sehr viel niedriger ausfällt. Das ist vielen jungen Menschen gar nicht bewusst.

Mal bewusst provokant gefragt: Träumen viele Jugendliche nicht vom Leben als Fußballstar oder mega-erfolgreiche Influencerin, wo solche Dinge keine Rolle zu spielen scheinen?

Kläsener: Aus unserer Erfahrung kann ich sagen, dass wir die Jugendlichen weniger von derartigen Wolken herunterholen müssen. Vielmehr stecken viele in einem Loch: Sie haben keine Perspektive und glauben, dass sie später von staatlicher Unterstützung abhängig sein werden.

Heydenreich: Umso wichtiger ist es, ihnen durch solche Projekte Perspektiven zu bieten und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Außerschulische Praxiserfahrungen in Unternehmen können hier sehr wertvoll sein. Wer in Mathe schlecht ist, hat vielleicht ein großes Designtalent, dass sich beruflich nutzen lässt – um nur ein Beispiel zu nennen. Diese Erfahrungen stärken das Selbstbewusstsein und eröffnen reale Perspektiven.

Kläsener: Das ist ein gutes Beispiel. Allerdings sehen wir das Entrepreneurship-Seminar zugleich auch als Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler für verstärkte Anstrengungen im Unterricht zu motivieren. Denn wenn sie sehen,
das für bestimmte Ausbildungen, die sie toll finden, bestimmte Noten hilfreich sind, setzen sie sich vielleicht verstärkt auf die Hinterbeine. Wir haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass aus diesem Grund einige Schülerinnen und Schüler den Realabschluss gemacht haben, den sie ursprünglich überhaupt nicht angestrebt hatten.

Heydenreich: Klar – wenn ich für eine Sache brenne, bin ich auch bereit, etwas dafür zu tun und zeige Einsatz. Umgekehrt gibt es nichts Schlimmeres, als jahrzehntelang in einem Beruf zu sein, der einem keinen Spaß macht. Und in
der 8. und 9. Klasse ist das Thema Beruf gedanklich noch sehr weit weg – obwohl es in der Realität schon quasi vor der Tür steht.

Gibt es eigentlich eine Bescheinigung für die Teilnahme?

Kläsener: Ja, am Ende des Seminars bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Zertifikat ausgehändigt, was bei einer späteren Bewerbung um einen Ausbildungsplatz sicherlich nicht schaden kann. Sie können stolz darauf sein, gemeinsam etwas aufgebaut zu haben. Das ist schon eine wichtige Motivation, um in diesem Alter ein Jahr lang „durchzuhalten“.

Wo liegt denn die Motivation aufseiten der Unternehmen, bei diesem Projekt mitzumachen?

Heydenreich: Die Unterstützung junger Menschen ist uns wichtig. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass wir damit in die Zukunft investieren – durch soziale Verantwortung und durch frühzeitige Orientierung für potenzielle Nachwuchskräfte.

DAS INTERVIEW FÜHRTE DANIEL BOSS

Erschienen in: April 2026 IHK-Magazin Ruhr Wirtschaft Seite 18-19