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The Conference House
Voller Saal bei trockenen Steuerthemen? Genauso war es, nur deutlich weniger trocken bei der anschließenden Diskussion. Direktor Detlef Herbers hat um Nüchternheit beim Gespräch über die Sachlage gebeten, dem kontroversen Gespräch tat dies keinen Abbruch. Zunächst erinnerte Herbers an die Aktualität der historischen Finanzierungsaufgabe des Staates angesichts von multiplen Krisen wie Kriegen und dem Klimawandel. Mit Infrastruktur und Bildungssystem wären auch die „Lebensadern einer Gesellschaft und deren Glück“ betroffen.
Julia Jirmann von Netzwerk Steuergerechtigkeit konnte auf Zahlen und Zusammenhänge verweisen, die sich auch beim Dt. Institut der Wirtschaft (DIW) oder den „Wirtschaftsweisen“ finden lassen. Deutschland lebt schon länger mit einer sehr hohen Vermögenskonzentration. Beim Einkommen konnte sie die Grafik vom „Wal in der Wanne“ (Stefan Bach, DIW) präsentieren. Dort sind mit den offiziellen Daten alle Einkünfte, ob aus Arbeit oder Sozialleistungen ins Verhältnis gesetzt mit allen Steuern und Sozialabgaben. Nur bei den „Super-Reichen“ fehlen bestimmte Einkünfte, teilweise aus Datenschutzgründen. Erbschaften in jährlicher Höhe von 300 bis 400 Milliarden € machen bei den sehr Reichen in Deutschland die Hälfte ihres Vermögens aus und gehen zu 98 % an Westdeutsche, die üppigen Erbschaften zu 2/3 an Männer und die Hälfte, also 150 bis 200 Mrd. € gehen an die reichsten 10 %. Die Hälfte der Bevölkerung erbt nichts, nicht einmal kleine Erbschaften. 10 Mrd. € beträgt im Schnitt die jährliche Erbschaftssteuer, Raucher und Raucherinnen tragen mit 17 Mrd. € fast das Doppelte zur Finanzierung des Gemeinwesens bei, obwohl sie nicht wirklich als die „stärkeren Schultern“ bezeichnet werden dürften. Ein Prominentes Beispiel ist Matthias Döpfner, der durch den Kauf von Aktien des Springerverlages von ca. 250 Millionen € zum Stichtag der Schenkung von 1 Milliarde „bedürftig“ war und keine 300 Millionen Erbschaftssteuern zahlen musste, die eigentlich hätten anfallen sollen. In der regen Diskussion kamen durchaus unterschiedliche Lebensverhältnisse, wenn ein Teilnehmer einen Freibetrag auf die gesamte Lebenszeit von 1 Million für schnell ausgeschöpft hielt, während eine andere Teilnehmerin mitteilte, dass sie keine Erbschaft zu erwarten hätte. Zur Erbschaftssteuer wird sich das Bundesverfassungsgericht (erneut) mit einem Urteil melden, wahrscheinlich noch in diesem Jahr.
Beim Vererben von Unternehmen in der Familie zeigen Studien zudem, dass es keineswegs immer der eigene Sprössling ist, der das Unternehmen am besten führt. Zudem behindert das jetzige Erbschaftsrecht in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz die neuen und innovativen kleinen Unternehmen, die jede Wirtschaft braucht.
Der frühere Finanzminister aus NRW, Dr. Norbert Walter-Borjans, schaute auf die Umsetzung von Steuergerechtigkeit. „Steuern machen keinen Spaß, aber sie machen Sinn!“ Eine Korrektur des Steuersystems wäre auch eine Machtfrage und Macht verdankt sich oft auch Geld und guter Vernetzung. So gäbe es „Ligitation PR“, also eine Art und Weise die eigenen Interessen so in eine Geschichte zu packen, dass viele Leute glauben, eine Reform würde sie negativ treffen, obwohl nur die Privilegien höchst Wohlhabender geschützt blieben. Ärgerlich würde Walter-Borjans beim sog. „Tag des Steuerzahlers“. Sinnvoller wäre es den Tag der Bildung, der Polizei, der Straßen usw. festzulegen, also sich ins Gedächtnis zu rufen, was mit dem Steuerbetrag alles finanziert wird. Wäre der „Tag des Steuerzahlers“ am 1. Januar, dann müsste man Polizei, den Asphalt vorm Haus und jede Schulstunde von diesem Geld privat bezahlen. Wenn Friedrich Merz jetzt eine progressive Steuerreform einführen würde, so Walter-Borjans verschmitzt, dann würde er sich in eine Reihe konservativer herausragender Politiker stellen: So war es Matthias Erzberger der Zentrumspartei, der nach dem Ersten Weltkrieg die Progression eingeführt hat. Und Konrad Adenauer führt nach dem Zweiten Weltkrieg den Lastenausgleich ein, eine einmalige Vermögensabgabe, die 30 Jahre lang zum Staatshaushalt beigetragen worden ist. Machtpolitisch war dies den konservativen Parteien leichter möglich, weil der Widerstand der SPD als Opposition gering war.
In der regen Diskussion, für die bei den Kommende-Foren traditionell mindestens so viel Zeit eingeräumt wird wie für die Impulse, konnte ein Teilnehmer direkt benennen, dass seine Steuerlast schon bedeutend hoch ist. Und bekam von Julia Jirmann Recht, veranschaulicht am „Wal in der Wanne“: Tatsächlich steigt die Progression etwa ab der Mitte der Gesellschaft leicht an, wie man es unter der Prämisse „Starke Schultern tragen mehr!“ erwarten würde. Erst etwa ab den oberen 5% sinkt die Kurve stark und der Beitrag zum Gemeinwesen liegt unterhalb des legitimerweise Erwartbaren, wenn man nur von einer leichten Progression ausgeht. In der Diskussion wurde Jirmann und Walter-Borjans noch verschiedentlich auf den zahn gefühlt und auch weiterführende Fragen gestellt, nach Ehegattensplitting, CumEx und weiterem mehr.
Dr. Andreas Fisch, Leiter des Fachbereichs „Wirtschaftsethik“ wies noch auf ein Positionspapier hin, das der „Arbeitskreis Steuern“ des Bund Katholischer Unternehmer schon im September 2025, also vor dem SPD-Vorschlag, gemacht hatte, ein ähnliches Problem diagnostizierte und einen Lösungsvorschlag unter Berücksichtigung unternehmerischen Belange vorgelegt hat. Zum Abschluss hob Fisch hervor, dass keine der genannten Reformvorschläge zu einer Umverteilung führen würde, die Konsequenz wäre realistischerweise nur, dass die Vermögenskonzentration langsamer wachsen würde als derzeit.
Download des Positionspapiers des „AK Steuern“ des Bund Katholischer Unternehmer.
Download der Grafik „Wal in der Wanne“ (Stefan Bach, DIW).
Das nächste Kommende-Forum zur Studie zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn findet am 27. April 2026 um 18 Uhr statt, Anmeldungen bitte an: susanne.lebreej@kommende-dortmund.de