Institute
The Conference House
Deutschland diskutiert wieder über Pflege: Die Schlagzeilen titeln dazu: „Kosten für Pflege erneut gestiegen“, „Pflege in Not: Hilfe darf keine Klassenfrage werden“ oder „Wenn die Pflege unbezahlbar wird – was bedeutet das für Betroffene?“ Es geht um Personalschlüssel, Finanzierung und Milliardenlücken. Das ist notwendig, keine Frage. Aber es ist nicht alles und vielleicht auch nicht ehrlich genug. Denn die eigentliche Krise der Pflege ist nicht ökonomisch, sondern in erster Linie ethisch. Sie beginnt dort, wo wir uns einreden, das Problem ließe sich rein technisch oder mit Geld lösen.
Natürlich liegt es auf der Hand: Pflege scheitert an fehlenden Ressourcen. Zu wenig Geld, zu wenig Personal, zu viel Bürokratie. Wer das bestreitet, verkennt die Realität der Einrichtungen. Aber wer dort stehen bleibt, verkennt etwas anderes: Geld erklärt Überlastung – nicht Sinnverlust. Und genau der ist es, der die Pflege innerlich auszutrocknen droht.
Pflege ist kein beliebiger Beruf – vermutlich ist das keiner. Gemeint ist damit aber, dass sie zentral eine Beziehungstätigkeit ist. Ihr Kern ist nicht die Verrichtung, sondern die Zuwendung. So ist das gesamte Gesundheits- und Pflegewesen historisch und durch Engagement einzelner Menschen oder auch der Kirche entstanden. Und daran hat sich nichts geändert. Und genau deshalb lässt sie sich nur begrenzt rationalisieren. Wer Pflege organisiert, als wäre sie eine industrielle Dienstleistung, produziert zwangsläufig moralische Überforderung. Nicht, weil Pflegekräfte zu sensibel wären, sondern weil man ihnen widersprüchliche Erwartungen zumutet: effizient zu arbeiten und zugleich menschlich sein, standardisieren und zugleich individuell begleiten, sparen und zugleich präsent bleiben.
Diese Widersprüche werden politisch zu selten benannt. Stattdessen wird Pflege zur Stellschraube eines Systems, das seine eigenen Grenzen nicht mehr anerkennt. Man erhöht den Druck, erhöht die Taktung, erhöht die Dokumentation – und wundert sich, dass Menschen gehen. Das ist kein Strukturfehler. Das ist eine ethische Verdrängungsleistung.
Aus christlich-ethischer Perspektive ist Pflege nicht nur Kostenfaktor, sondern in erster Linie ein Ort verdichteter Verantwortung. Dort entscheidet sich, wie eine Gesellschaft mit Verletzlichkeit umgeht. Nicht abstrakt, sondern konkret: am Bett, im Nachtdienst, im Übergang zwischen Leben und Sterben. Wer diese Arbeit unter Bedingungen organisiert, die systematisch Sinn zerstören, darf sich über Fachkräftemangel zumindest moralisch nicht empören.
Oft wird gesagt, man müsse Pflege „attraktiver“ machen. Das klingt freundlich, ist aber unerquicklich. Attraktivität ist eine Kategorie des Marktes. Pflege braucht keine Imagekampagne. Sie braucht Wahrhaftigkeit. Dazu gehört, offen auszusprechen, dass nicht jede Effizienzsteigerung legitim ist. Dass es Grenzen des Zumutbaren gibt. Und dass Organisationen Verantwortung dafür tragen, wie viel moralische Spannung sie ihren Mitarbeitenden aufladen.
Kirchliche und caritative Träger stehen hier in besonderer Pflicht. Nicht, weil sie besser wären, sondern weil sie mehr versprechen: Wer sich auf Nächstenliebe beruft, kann sich nicht hinter Systemzwängen verstecken, ohne unglaubwürdig zu werden. Christliche Identität zeigt sich nicht im Leitbild, sondern in der Art, wie Entscheidungen getroffen werden, wenn es eng wird.
Warum Pflege ein Beruf und mehr als nur ein Job ist und es sich daher eher um eine moralische als um eine finanzielle Frage handelt, erläutert Hannes Groß in seinem Stand•PUNKT.