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Der Jugend eine Chance geben

Von der Hauptschule in den Beruf

 

Nicht ausbildungsfähig! Ist unsere Jugend zu doof?“ So  der wenig schmeichelhafte Titel der ARD-Talkshow mit Anne Will, nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung seinen Bildungsbericht 2010 vorgelegt hatte. Die Ergebnisse der Studie waren in der Tat alarmierend: mehr als ein Viertel aller Hauptschüler, die sich nach ihrem Schulabschluss auf dem Arbeitsmarkt bewerben, seien nicht ausbildungsfähig“. Weniger als die Hälfte von ihnen, so der Bericht, hat auch sechs Monate nach dem Schulabschluss noch keine qualifizierende Ausbildung gefunden; und wer eine Lehrstelle bekommt, kann nicht sicher sein, dass er die Ausbildung auch abschließt. 2008 wurde immerhin jeder fünfte Ausbildungsvertrag  wieder aufgelöst bzw. die Lehre abgebrochen. An der Veröffentlichung des Bildungsberichts entzündete sich eine breite und heftige gesellschaftliche Debatte, in der letztendlich nicht mehr nur über den Lernerfolg und die Bildungschancen von Hauptschülern gestritten, sondern das ganze Schulsystem grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Über die Schicksale der persönlich Betroffenen indes ging man meist sehr großzügig hinweg. Allerdings nicht überall.

Nicht klagen

sondern handeln

Während in Talkshows und auf Titelseiten landauf landab noch über schlechte Bildungschancen von Hauptschulabgängern und über Mängel im Schulsystem gestritten wird, startete die Kommende-Stiftung beneVolens ein Projekt zur beruflichen Integration von Hauptschülern. Denn die allgemeine Klage und der Streit um die Konzepte für morgen helfen denen nur wenig, die heute auf der Straße stehen. Nach einem erfolgreichen Testlauf im Sommer dieses Jahres bekamen 22 Schülerinnen und Schüler der Hauptschule Dortmund-Husen die Gelegenheit, schon während ihres letzten Schuljahrs jeweils einen Tag in der Woche in einem Betrieb mitzuarbeiten. Ziel dieses Langzeitpraktikums, das von professionellen Ausbildungspaten begleitet wird, ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt: für Jugendliche, die oft schon zu Schulzeiten zu hören bekommen, dass sie sowieso beruflich keine Chancen haben, eine konkrete Perspektive über die Schulzeit hinaus. Denn für viele der sozial benachteiligten Hauptschüler ist es eine neue Erfahrung, von gestandenen Kollegen im Betrieb akzeptiert und ernst genommen zu werden. Das steigert das Selbstwertgefühl und motiviert, sich auch in der Schule für einen guten Abschluss anzustrengen. So sammeln sie schon während ihrer Schulzeit praktische Berufserfahrung, und für manchen mündet die Schnupperlehre direkt in eine Ausbildung im Praktikumsbetrieb.

Persönlichkeit stärken

Schlüsselqualifikationen vermitteln

Das Projekt zur beruflichen Integration von Hauptschülern startet mit vier Projekttagen, an denen die Schülerinnen und Schüler sich selbst, ihre Haltungen und Einstellungen kennen und besser einschätzen lernen. Dabei geht es auch um Schlüsselqualifikationen, wie sie im Berufsleben unentbehrlich sind. Anhand erlebnispädagogischer Übungen wird etwa erarbeitet, was Teamfähigkeit im konkreten Miteinander bedeutet, wo man sich aufeinander verlassen muss. Aber auch die Bedeutung anderer Kernkompetenzen wie Motivation, Durchhaltevermögen und Zuverlässigkeit werden in praxisorientierten Übungen vermittelt. Im Mittelpunkt der vier Projekttage stehen hierbei sowohl die Persönlichkeitsstärkung der Schülerinnen und Schüler als auch ihre Vorbereitung auf den Einsatz im Betrieb, der im Anschluss an ein dreiwöchiges Blockpraktikum nach den Herbstferien beginnt. Dieses Langzeitpraktikum erstreckt sich über einen Zeitraum von sieben Monaten, in dem die Jugendlichen jeweils dienstags in einem Betrieb als Praktikanten arbeiten, um so das Arbeitsleben kennen zu lernen. Neben der Kommende-Stiftung beneVolens werden sie dabei von Ausbildungspaten begleitet, die ihnen mit ihren Erfahrungen aus dem Berufsleben beratend zur Seite stehen. Diese professionellen Paten fungieren hierbei als Tutoren und helfen den Schülern während ihres Praktikums beim Zeitmanagement, Bewerbungen und anderen Fragen, die sich oft erst aus der konkreten Arbeitssituation ergeben. Über das ganze Jahr gibt es daher regelmäßige Treffen mit den Ausbildungspaten und Referenten der Kommende-Stiftung beneVolens, bei denen die Erfahrungen des Arbeitsalltags reflektiert, Mut gemacht  und Tipps und Hilfen für ein Gelingen des Betriebspraktikums gegeben werden.

Vermittlung in Arbeit

Gesellschaftliche Integration

Das Patenschaftsprojekt der Kommende-Stiftung beneVolens zur beruflichen Integration von Hauptschülern bietet denen, die von Politik und Wirtschaft oft schon abgeschrieben sind, so eine konkrete Möglichkeit, den beruflichen Alltag über einen längeren Zeitraum kennen zu lernen und sich selbst in einem Arbeitsumfeld unter Echtzeitbedingungen zu erproben. Erste Erfahrungen zeigen bereits, dass sich damit die Chancen auf einen Ausbildungsplatz und die Aussicht auf eine Anschlussperspektive nach dem Schulabschluss erhöhen. Die Ausbildungspaten stehen den Schülerinnen und Schülern dabei vermittelnd und unterstützend zur Seite, ohne ihnen jedoch die Verantwortung abzunehmen. Denn für die eigene Berufswahl und die Lebensentscheidungen ist jeder selbst verantwortlich. Auch wenn mit dem betrieblichen Langzeitpraktikum noch keine Ausbildungsgarantie gegeben ist, so ist der vielbeschworene „Ernst des Lebens“ für die Jugendlichen auf diese Weise viel unmittelbarer erfahrbar und wird zur Herausforderung, der sie sich stellen. So bemisst sich der Erfolg des Projekts nicht nur an der Ausbildungsplatzquote der teilnehmenden Jugendlichen. Es sind vielmehr die vielen Erfahrungen, die sie während ihrer Schnupperlehre sammeln und die sie auf das Arbeitsleben vorbereiten. Damit verbessern sich auch nachhaltig ihre Positionen auf dem Arbeitsmarkt. Während Hauptschüler in der öffentlichen Diskussion oft als „ausbildungsunfähig“ und „nicht vermittelbar“ abgestempelt werden, zeigt die Erfahrung der begleiteten Langzeitpraktika, was auch sozial benachteiligte Jugendliche leisten können, wenn man ihnen etwas zutraut, sie fordert und fördert. So ist das Projekt zur beruflichen Integration von Hauptschülern nicht zuletzt auch ein Beitrag zu ihrer gesellschaftlichen Integration. Davon profitieren am Ende alle: die Schulen, die Betriebe, die Gesellschaft – vor allem aber Schülerinnen und Schüler.

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