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"Bei uns ist Charakter gefragt"

Regens Uwe Wischkony (links) und Prälat Peter Klasvogt zeigen Seminaristen aus Ostmitteleuropa das Erzbischöfliche Priesterseminar in Paderborn.Kordik Doch, es sei manches anders, stellt Karlis Mikelsons aus Lettland fest. Er studiert im dritten Studienjahr am Erzbischöflichen Priesterseminar in Riga. Gerade hat der junge Lette, zusammen mit 21 anderen Priesteramtskandidaten aus verschiedenen Ländern Osteuropas, an einem Rundgang durch das Erzbischöfliche Priesterseminar in Paderborn teilgenommen.

Regens Uwe Wischkony und der Leiter der Kommende Dortmund, Prälat Dr. Peter Klasvogt, selbst mehrere Jahre Regens in Paderborn, gaben Erläuterungen zu Studieninhalten und –bedingungen, berichteten auch vom konkreten Alltagsleben am Paderborner Seminar. Die Kandidaten aus Polen, Rumänien, Lettland, der Slowakei, Tschechien und Ungarn sind Teilnehmer der Sozialakademie „Europa eine Seele geben“. Zum vierten Mal hat das katholische Sozialinstitut Kommende junge Priesteramtskandidaten aus Osteuropa zu dieser Sozialakademie eingeladen, um künftigen Priestern Einblicke in die kirchliche und gesellschaftliche Situation in Deutschland zu vermitteln.

„Also, ich habe schon den Eindruck, dass es bei uns am Seminar in Riga strenger zugeht“. Zu diesem Schluss kommt Karlis Mikelsons nach dem Rundgang. „Wir haben einen exakt geregelten Tagesablauf: von den gemeinsamen Gebetszeiten, Laudes, Vesper, Komplet, bis zu den Vorlesungszeiten. Unter der Woche dürfen wir das Seminar höchstens nach vorheriger Anmeldung verlassen. Nur den Samstag haben wir zur freien Verfügung.“ Die meisten Seminaristen in Lettland kämen direkt nach dem Abitur, so Karlis. Da stelle sich bei manchen dieser jungen Männer natürlich die Frage nach der Motivation, wie ernst es ihnen die Entscheidung sei. Gerade im ersten Jahr liege daher der Akzent auf der Vertiefung geistlichen Lebens, dem gemeinsamen Gebet: „Es gibt jeden Tag eine obligatorische stille Stunde in der Kapellen unseres Seminars.“

Karel Janu stammt aus der Diözese Brünn, studiert am Erzbischöflichen Priesterseminar in Olmütz (Olomouc) und kennt die Priesterausbildung in Deutschland bereits aus eigener Erfahrung, da er ein Jahr in Erfurt studiert hat: „Bei uns gibt es Austauschprogramme für Studenten. Eines davon ist das Erasmus-Programm. Darüber werden Stipendien in der Regel für ein Jahr vergeben, damit Studenten an einer ausländischen Fakultät studieren können. Ich habe mich beworben, natürlich mit Erlaubnis meines Ortsbischofs, der meinen Wunsch damals unterstützt hat.“

Auch Karel betont die im Vergleich zur deutschen Ausbildung größere Straffung des Tagesprogramm am Seminar seiner Heimatdiözese. Eine wichtige Rolle in der Priesterausbildung in Tschechien spielen die verschiedenen Praktika: Gemeinde- und Schulpraktikum, ein Praktikum in der Jugendarbeit und ein so genanntes Arbeitspraktikum in einem Betrieb. Karel hat schon alle Praktika absolviert, bereitet sich jetzt auf sein fünftes und letztes Studienjahr vor.

Kommt die durch den Missbrauchsskandal neu aufgekommene Kirchendebatte auch in den Gesellschaften Osteuropas an? In Lettland spiele das Thema eigentlich keine Rolle, bemerkt Karlis Mikelsons: „Unser neu ernannter Erzbischof, Zbigņev Stankevičs, der noch in diesem Monat geweiht wird, hat bereits einen offenen Brief an die lettische Gesellschaft geschrieben und angekündigt, sollte er Hinweise auf entsprechende Fälle in der katholischen Kirche erhalten, würde er entsprechend hart reagieren. Bei uns im Seminar ist es eigentlich kein Diskussionsthema, nicht weil es tabuisiert wird. Aber es sind noch keine Fälle in der katholischen Kirche Lettlands bekannt geworden.“

Auch in der Kirche Tschechens, so Karel Janu, sei diese Problematik fast nicht vorhanden: „Möglicherweise hängt das mit der geschichtlichen Entwicklung bei uns zusammen. Denn bis zum Ende des Kommunismus 1989 war unsere Kirche eine Untergrund-Kirche und musste ums Überleben kämpfen. Ich denke, dass der Glaube bei uns dadurch sehr ehrlich war. Die Menschen, die sich für und in der Kirche einsetzten, mussten große Herausforderungen bewältigen und sehr charakterstark sein. Das hat wohl auch die weitere Entwicklung in unserer Kirche geprägt. Jedenfalls habe ich nur von einem einzigen Missbrauchsfall nach der Wende in der Erzdiözese Olmütz gehört.“

Die psychologische Eignung der Kandidaten spielt aber am Erzbischöflichen Priesterseminar in Olmütz eine wichtige Rolle. Die angehenden Priester müssen, ehe sie ins Seminar eintreten, entsprechende Tests bestehen. Auch in Gesprächen mit dem Regens und dem Bischof wird noch einmal auf die charakterliche und psychologische Eignung geachtet. Während ihres Studiums müssen die Kandidaten mindestens zwei Semester lang Vorlesungen in Psychologie belegen. Und vor der Diakonenweihe stehen noch einmal psychologische Testverfahren und anschließende Besprechungen an.  Außerdem muss jeder Seminarist seinen persönlichen geistlichen Begleiter auswählen und dies dem Regens mitteilen.

Wie ist das Bild des Priesters in osteuropäischen Ländern? Und wie weit beeinflusst es das eigene Selbstverständnis, die eigene Identität als Priester? Zur Situation in Lettland sagt Karlis Mikelsons: „Die Stimme der Kirche wird in der Gesellschaft unseres Landes sehr stark wahrgenommen. Die Meinung eines katholischen Priesters, übrigens auch eines lutherischen Pastors hat Gewicht, erhält breiten Raum auch in den Darstellungen der Presse. Unser bisheriger Erzbischof, Jānis Pujats, redete sehr oft über politische, auch gesellschaftliche Themen, legte dabei den Akzent auch auf fragwürdige Punkte. Seine Äußerungen lösen im Fernsehen nicht selten kritische Debatten aus, weil er in seiner Wortwahl meist sehr direkt ist. Ich glaube übrigens, dass er jetzt nach seinem Rücktritt vom Amt und der Einführung eines neues Bischofs, noch stärker in die Gesellschaft kommunizieren wird – das ist sein Ziel. Auf jeden Fall spielt die Kirche in der gesellschaftlichen Diskussion in Lettland eine Rolle.“

Zur öffentlichen Wahrnehmung von Kirche, zur Wahrnehmung auch des Priesters in der tschechischen Gesellschaft, sagt Karel Janu, diese sei sehr unterschiedlich, je nach Region. Die Situation der Kirche im noch stärker säkularisierten Böhmen sei eine andere als im mehr katholisch geprägten Mähren. Die Rolle des Priesters sei in Städten auch noch eine andere als in ländlichen Regionen: „Ich stamme selbst vom Dorf. Bei uns leben die Menschen sehr eng zusammen, sammeln sich um den Pfarrer. Es ist ein sehr traditionelles Gemeinschaftsmodell: Die Leute kommen zum Pfarrer, wenn sie in seelischer Not sind. Umgekehrt: Wenn Sie sehen, dass der Pfarrer etwas braucht, dann helfen die Leute ihm.“

In Tschechien, so Karel Janu, gibt es in den letzten Jahren wieder genügend Nachwuchs in den Orden, auch genug Priesternachwuchs. Selbst in Städten seien junge Ordensschwestern und  -brüder im Straßenbild keine Besonderheit, würden nicht als „Exoten“ wahrgenommen. Auch die starke öffentliche Resonanz auf den Papstbesuch in Tschechien im September vergangenen Jahres sei Beweis für den gestiegenen Stellenwert der Kirche in der tschechischen Gesellschaft:  „Die Medien haben sehr ausführlich und gut über den Besuch des Heiligen Vaters geschrieben. Das war eine positive Überraschung. Das allgemeine Klima der Kirche gegenüber wechselt natürlich bei uns. Manchmal ist die Stimmung in Medien und Gesellschaft eher „antikirchlich“, manchmal wiederum für die Kirche günstig. Ich weiß von einigen gläubigen Bekannten, die in der Presse tätig sind, dass sie auch von anderen – nicht kirchlich gebundenen - Kollegen in der Zusammenarbeit geschätzt werden, weil sie sich menschlich verhalten. Auch das trägt zum wachsenden Ansehen der Kirche bei.“

 

Die Tagespost

Manuskript: Anja Kordik

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