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AnStifter-Studienfahrt nach Brasilien

„… und bewahre uns vor dem Übel!“
Was Jugendliche vor sozialem Abstieg bewahren kann.

„Warum weinst du?“ Der Mann schaute den Jungen fragend an. Der hatte seine Sachen schon gepackt und war bereits auf dem Absprung. „Padre, keiner will mich haben!“ Darauf der Franziskanerpater: „Dann bleibst Du bei mir.“ – Diese kleine Episode in einem brasilianischen Provinznest liegt schon über 20 Jahre zurück, ein Schlüsselerlebnis für den damals 12 Jährigen, von seiner Mutter nach seiner Geburt ausgesetzt und von der Adoptivfamilie als Bastard abgestempelt. Ricardo lebte auf der Straße, seit er neun war. Betteln, Schnüffeln, Stehlen, die ganze Palette von Drogenkriminalität, Gewalt und Totschlag hat er durchlebt. Von den 22 Straßenkindern aus seiner Gang hat er als einziger überlebt. Ricardo blieb bei Frei Hans, wie alle den deutschen Franziskaner nennen, der damals seine erste  Fazenda da Esperanza gegründet hatte, einen „Hof der Hoffnung“ für Suchtkranke. – Heute gibt es weltweit über 70 davon, Tendenz steigend, und Ricardo, seit 18 Jahren clean, ist mittlerweile der Beauftragte seines Bundesstaates für Drogenprävention, u.a. zuständig für über 900 Schulen.
Diese  therapeutischen „Höfe der Hoffnung“ gibt es heute nicht nur in Brasilien, sondern mittlerweile weltweit, auch in Deutschland. Dort finden Jugendlichen, die in alle möglichen Abhängigkeiten abgerutscht sind, von Spiel- und Magersucht bis hin zu Alkohol- und Drogenkonsum, ein neues Leben: weil sie dort Menschen finden, die an sie glauben und die ihnen zutrauen, dass auch sie etwas bewegen, sich für andere einsetzen können. Freundschaftsdienst als Drogenentzug, gewissermaßen eine Sinntherapie; denn wenn man weiß, wofür man gebracht wird, macht das Leben Sinn, kann man sogar für andere, denen es ebenso dreckig geht, eine Stütze, ja sogar Vorbild sein. In diesem „Spirit“ gegenseitiger Aufmerksamkeit wachsen nicht nur Gemeinschaftsgefühl und menschliche Verbundenheit, sondern auch das eigene Selbstbewusstsein und der Stolz, für jemand anderen wichtig zu sein. Das verpflichtet und motiviert. 
Es war dieses einfache und zugleich erstaunlich erfolgreiche Therapiekonzept, das die Delegation der Kommende-Stiftung beneVolens begeistert hat, weil es hier nicht allein um Entzug und Sicherheitsverwahrung geht, sondern um einen ganzheitlichen, lebensstilorientierten Ansatz. Und das Interesse an nachhaltigen Therapieerfolgen kommt nicht von ungefähr; denn auch in Deutschland nehmen Suchtkrankheiten und Gewaltdelikte unter Jugendlichen dramatisch zu. Allein 2008 brachten Polizei und Rettungskräfte mehr als 23.000 Kinder teils bewusstlos betrunken ins Krankenhaus – so viele wie nie zuvor. Scheinbar unmotivierte Gewaltexzesse und Übergriffe Jugendlicher sorgen Woche für Woche für Schlagzeilen. Jede fünfte Straftat in Dortmund wurde 2008 von einem Jugendlichen unter 18 Jahren begangen, wobei  Alter, Geschlecht und soziale Herkunft eine entscheidende Rolle spielen. Meist bleiben solche Taten auf bestimmte Quartiere und bestimmte Gruppen beschränkt. „Messerstechereien, Straßenkriminalität, bewaffnete Überfälle sind, grob gesagt, Unterschichtenphänomene, begangen von jungen Männern in den Problemvierteln großer Städte“ (Die Zeit, 10.2.2010), und viele der jugendlichen Intensivtäter begehen ihre erste Tat bereits mit acht, neun Jahren– der Einstieg in eine kriminelle Karriere. Vor allem in bildungsfernen Schichten ist Gewalt sehr viel verbreiteter, egal aus welchem Kulturkreis die Menschen kommen. Dabei hat insbesondere der Bildungsgrad der Mutter einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder. Wenn daher viele Einwanderer aus sehr armen und wenig gebildeten Verhältnissen kamen und Frauen in muslimischen Ländern weniger Bildung als Männern zugestanden wird, erklärt dies die Häufung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Kriminalitätsstatistik.
Prävention heißt also das Gebot der Stunde, und genau hier möchte die Kommende Stiftung beneVolens  ansetzen. Denn es bringt offenkundig nichts, den Jugendlichen mit dem erhobenen Zeigefinger kommen und sie wortreich über die Folgen von Gewalt aufzuklären und vor den Gefahren von Alkohol und Drogen zu warnen. In Kooperation mit der internationalen Organisation der „Fazenda da Esperanza“ geht beneVolens daher andere Wege, indem sie Jugendliche einlädt, eine Zeit mit denen zusammenzuleben, die am eigenen Leib den sozialen Abstieg erfahren und  den Teufelskreis von Drogen, Kriminalität und Gewalt durchbrochen haben. Nicht moralische Appelle, sondern Erfahrungsaustausch mit denen, die  authentisch davon erzählen können, was ihr Leben zerstört und was ihr Leben wieder aufgebaut, lebenswert gemacht hat. Im Frühjahr startet das Pilotprojekt mit Schülern und Schülerinnen der Hauptschule Husen: Ich bin sicher: weitere werden folgen.  

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