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Ulrike Herrmann kritisiert neoliberale Wirtschaftslehren

Zum Querdenkerabend mit der Journalistin Ulrike Herrmann kamen am vergangenen Donnerstag mehr als 160 Besucher in die Kommende. Im Gespräch mit Kommende-Dozent Richard Geisen rückte die Wirtschaftskorrespondentin der „taz“ ihre grundlegende Kritik an der heute vorherrschenden Wirtschaftslehre in den Mittelpunkt. Die Sichtweise des so genannten neoklassischen Ansatzes ist aber nach ihrer Darstellung keineswegs nur ein Fall für die Wissenschaft. Er wirke sich vielmehr ganz konkret auf Entscheidungsprozesse aus, an denen führende Ökonomen beteiligt sind. Wie in ihrem neuen Buch zur Krise der Ökonomie mit dem Titel „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ bereits dargelegt, empfahl sie auch in der Kommende, zur heutigen Orientierung erneut auf die Wirtschaftsklassiker Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes zurückzugreifen.

Dass Herrmann auch und gerade Karl Marx einbezieht, ist seiner Interpretation von technischer Entwicklung geschuldet. Dieser Prozess und der damit verbundene Fortschritt hat zur Folge, so Hermann, dass Unternehmen gar nicht anders können, als immer mehr und auch immer kostengünstiger zu produzieren. Obwohl das Hauptwerk von Marx („Das Kapital“) bereits 1867 erschien, habe er den weiteren Gang der Wirtschaftsgeschichte richtig prognostiziert: Am Ende laufe es auf eine Situation hinaus, in der es in den Hauptbereichen der Wirtschaft keinen Wettbewerb mehr gebe, da nur noch ganz wenige Großkonzerne übrigbleiben. Herrmann folgt Marx dann allerdings nicht in der Annahme, dass es schließlich ein Leichtes und das einzig Richtige sei, diese Unternehmen bzw. Konzerne zu enteignen und in die Hand des Staates zu überführen. In heutiger Zeit besteht aus Sicht der Journalistin schon längst keine Marktwirtschaft mehr. Echten Wettbewerb gebe es immer nur in wirtschaftlichen Nischen und in der ersten Phase neuer Erfindungen und Marktauftritte. Gleichwohl sei Verstaatlichung keine Lösung, sehr wohl aber brauche man einen starken Staat zur Regulierung und zur genügenden Wahrung von Umwelt- Verbraucher- und Sozialinteressen. Starke Gewerkschaften seien notwendig, um für angemessenen Lohnzuwachs zu sorgen, und um die die Macht der Unternehmen einzurahmen und zu begrenzen.

Von dem Ökonomen Adam Smith, der von 1723-1790 lebte, könne Finanzminister Wolfgang Schäuble vor allem eines lernen: Exportüberschüsse, auf die der CDU-Politiker so stolz sei, anders zu bewerten. Kein Land könne auf Dauer alleine als „Exportweltmeister“ und ohne entsprechende Prosperität der umgebenden Importländer Erfolg haben. Der Philosoph Smith, der als Begründer der klassischen Nationalökonomie gilt, habe den Blick auf die Binnenwirtschaft gerichtet und dabei erkannt, dass sich Reichtum auf wirtschaftliche Leistung bzw. auf Arbeit gründet, nicht aber allein auf Geld und Kapital, erklärte die gebürtige Hamburgerin. Im Übrigen sei Smith Zeitzeuge einer vollkommen neuen Entwicklung gewesen: In England stieg erstmals das Pro-Kopf-Einkommen in einem Maße, dass auch die unteren Schichten davon profitierten.

Hatte schon Smith die Rolle des Geldes genau analysiert, befasste sich nun Keynes mit Spekulationsobjekten wie Aktien und Derivaten. Da er selbst als Spekulant reich geworden war und nach heutiger Rechnung ein Vermögen von 22 Millionen Euro hinterließ, hatte er auch eingehend die Systeme studiert. Keynes hatte miterlebt, dass neue Geldmärkte aus dem Nichts entstehen können und zugleich immer wieder gewarnt, welche Gefahren mit den Systematiken des Spekulations- und des Kreditwesens verbunden sein können. Keynes war es, betonte Herrmann, der die Finanzmärkte als diejenigen identifizierte, die den Kapitalismus noch immer weiter forcieren.

Allen drei Klassikern sei nicht nur gemein, dass sie die faktischen Gegebenheiten ihrer Zeit intensiv analysieret hätten, sondern ihnen sei es gelungen, auch Interpretationsmuster für die damit verbundenen Dynamiken zu liefern. Ganz aktuell müsse sich die Ökonomie zwei zentrale Fragen stellen, forderte die Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung „taz“:

1. Wie bekommt man die gravierenden ökologischen Probleme, die globaler Art sind, in den Griff?
2. Wie geht man mit der Tatsache um, dass sich Geld und Finanzhandel sowohl quantitativ als auch bezogen auf die Schnelligkeit der Transaktionen immer weiter von der Realwirtschaft entfernen? Daraus ergebe sich zwangsläufig die zentrale Herausforderung, nach Wegen zu suchen, um die Finanzmärkte unter Kontrolle zu halten und die dort erwirtschafteten Profite der Besteuerung zugänglich zu machen.
In der anschließenden Diskussion widersprach Ulrike Herrmann allen Versuchen, in dem früheren Wirtschaftsminister und späteren Kanzler Ludwig Erhard den Begründer oder Vater des Nachkriegs-„Wirtschaftswunders“ zu sehen. Er sei nichts anderes als ein Lobbyist der Industrie gewesen, und zwar bereits seit der Weimarer Zeit, der angesichts seiner Willfährigkeit für die Besatzungsmacht in der britisch-amerikanischen Bizone genau den passenden Typ Politiker verkörpert habe. Erhard habe lediglich entsprechend der Vorgaben der Besatzungsmächte gehandelt und die gewünschten Konzepte umgesetzt. Auf Nachfrage bewertete Herrmann das von Papst Franziskus mehrfach wiederholte Wort: „Diese Wirtschaft tötet“ zwar als treffende Kritik am Kapitalismus. Auf Distanz gehe sie jedoch, wenn solche Aussagen vor allem moralisch akzentuiert seien, so als sei die Situation durch Moralisieren veränderbar.


Nächster Querdenker-Abend: 8. Dezember, 19.30 Uhr. Matthias Holland-Letz wird zu Gast wird sein, Thema: Dienen gemeinnützige Stiftungen vor allem den Reichen und Mächtigen?

Theo Körner, Dortmund

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