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Christian Herwartz - Ein Beispiel für gelebte Solidarität

„Das Überschreiten von Grenzen dient dazu, selber Mensch zu werden“: Ein solcher Satz ist anspruchsvoll, auch auffordernd. Christian Herwartz, am 17.7. Gast in der Querdenker-Reihe, kennzeichnete damit sein eigenes, außergewöhnliches Leben und die Dinge, die ihm wichtig sind. Er gehört wie Papst Franziskus dem Orden der Jesuiten an, hat Theologie studiert, war allerdings später als Dreher in der Elektrofabrik tätig. Der Graben zwischen Kirche und Arbeiterschaft sei auch heute noch nicht geschlossen, erklärt Herwartz. Dieses Verhältnis zu gestalten, werde dauerhaft eine Aufgabe bleiben. Heute stünden für ihn allerdings andere Grenzen im Vordergrund, die es zu überwinden gelte. Nach seinem Glauben sei er übrigens in den 21 Jahren Betriebszugehörigkeit nie gefragt worden, erinnerte er sich im Gespräch mit Kommende-Dozent Richard Geisen. Der Begriff des Arbeiterpriesters, mit dem er oft beschrieben wird, sei eigentlich ein „Quatschwort“: Was sei denn damit gemeint, fragt Herwartz nach, Priester werde man doch durch die Taufe, somit sei also jeder Christ Priester. Und in dieser Rolle komme es doch vor allem darauf an, unabhängig von seinem Lebensort, sich in einer Gemeinschaft einzubinden und mit ihr auseinanderzusetzen.

35 Jahre sind mittlerweile schon vergangen, dass er selbst gemeinsam mit zwei weiteren Mitbrüdern für eine entscheidende Wende in seinem Leben sorgte und die heute weithin bekannte Wohngemeinschaft in der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg gründete. Hier hat er, auf die Jahre hin gesehen, bereits mit mehr als 50 Nationalitäten unter einem Dach zusammen gelebt und tagtäglich kommen Menschen aus verschiedenen Erdteilen dorthin. Wer anklingelt, der wird nicht gefragt, woher er kommt, stellte der Kommende-Gast eines der Grundprinzipien heraus. Gerade für Schutzsuchende aus anderen Ländern sei es mitunter sehr gefährlich, wenn zu viel über ihre Identität bekannt werde. Für Menschen, die beispielsweise in ihrer Heimat verfolgt werden, aber keine offizielle Anerkennung als Flüchtlinge oder Asylsuchende erhalten, biete das Haus ein Obdach, durchaus auch für längere Zeit. Nicht selten ist die Wohngemeinschaft auch Ort, um Betroffene vor der Abschiebung zu bewahren.

Der Mensch habe die Sehnsucht, dass seine Würde anerkannt und respektiert werde, betonte Christian Herwartz. Doch man müsse leider immer wieder feststellen, dass die Menschenwürde wenig Beachtung finde. Die Politik schüre oftmals noch ein solches Verhalten und verstärke Ressentiments. Die Wohngemeinschaft ist indes ein Beispiel für gelebte Solidarität, lädt zu interreligiösen Gebeten ein, hält Kontakt zu Gefangenen und hat auch die Lebenssituation der Menschen des Stadtteils Kreuzberg im Blick.

Bei den „Exerzitien auf der Straße“ geht es beispielsweise um Bewohner des Stadtteils und der Stadt, die am Rande der Gesellschaft stehen. Wer an solchen Tagen teilnimmt, wozu ein jeder eingeladen ist, kann unter anderem eine Suppenküche besuchen, unterhält sich auf offener Straße mit Migranten, Obdachlosen oder sucht nach Orten, die ihm eine innere Einkehr ermöglichen. Christian Herwartz erzählte von einem jungen Mann, der ganz bewusst einen Teil der markierten Strecke gegangen sei, auf der früher die Berliner Mauer gestanden hat. Er habe damit seiner inneren Zerrissenheit Ausdruck verliehen und zugleich den Versuch unternommen, für sich eine Lösung zu finden. Wie jemand seine Exerzitien lebt und ausfüllt, wird nicht vorgeschrieben, sondern das entscheidet der Teilnehmer, die Teilnehmerin selbst. Unverzichtbares Element eines jeden Exerzitientages sei allerdings das abendliche Zusammenkommen der Gruppe, um das Erlebte zu erzählen und im Kontext eigener Lebensfragen zu deuten, um gemeinsam zu beten und Gottesdienst zu feiern.

Der Jesuit berichtete, dass er selbst als junger Mensch keinen klaren Lebensweg vor Augen gehabt habe, ihn allerdings im Alter von 14 Jahren eine Missionsausstellung stark beeindruckt habe. Dabei sei ihm deutlich geworden, welche Bedeutung die Kommunikation mit anderen Kulturen habe und dass es darauf ankomme, hinzuhören. Glaube lebe schließlich vom Hören und Zuhören.

Seinerzeit habe ihn auch die Frage beschäftigt, ob und wie man nach Afrika gehen könne, dort gewesen sei er jedoch nicht. Als junger Jesuit zog er dann mit den zwei Mitbrüdern, die später die Wohngemeinschaft mit begründeten, für drei Jahre ins französische Toulouse und lebte dort in einer Arbeiterpriesterkommunität. Dort gewann er viele wichtige Erfahrungen, die er vor allem auch vor dem Hintergrund der seinerzeitigen Befreiungsbewegungen und der Befreiungstheologie reflektierte. Die Schritte der Menschwerdung in unterschiedlichen Lebenswelten zu gehen, prägt bis heute sein eigenes Leben. Ob es denn nicht oftmals auch schwierig sei, nahezu auf alle Privatheit zu verzichten, wollte Richard Geisen von ihm in Erfahrung bringen. Es sei sein Weg, antwortete Christian Herwartz, ein Weg, mit dem er in Offenheit für eine weltweite Verbundenheit lebe. Der Austausch mit anderen Kulturen trage dazu bei, Dinge zu begreifen, die man sonst nicht begreife.

Weitere Informationen: https://nacktesohlen.wordpress.com/

Theo Körner, Dortmund

Foto Herwartz.doc

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