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„Engagement für Schutz und Zuflucht für Flüchtlinge aus dem Glauben heraus“

Erzbischof Becker mit den Wissenschaftlern und Gästen der Frühjahrstagung des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der Kommende Dortmund.

Paderborn (pdp). „Niemand verlässt seine Heimat ohne Sehnsucht.“ Mit diesen Worten fasste Pater Georges Aboud BS die Tragödie der Flucht zusammen. Pater Aboud ist Pfarrer in Damaskus und berichtete auf der Frühjahrstagung des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der Kommende Dortmund von der aktuellen Lage in Syrien. In Anwesenheit des Paderborner Erzbischofes Hans-Josef Becker berieten die Wissenschaftler die Herausforderungen von Flucht und Migration für Politik, Gesellschaft und Kirche.

Erzbischof Becker nannte die aktuellen Fragen um die Themen Flucht und Migration „brisant“. Die Geflüchteten würden ihre Heimat verlieren und Schutz und Zuflucht suchen. Zugleich würden sie in der öffentlichen Diskussion viele Ressentiments hören. Die Kirche sei aus ihrem Glauben heraus gefordert, sich für Schutz und Zuflucht für die geflüchteten Menschen zu engagieren, so Erzbischof Becker. Er verwies auf die vor einigen Wochen beschlossenen Leitsätze der Deutschen Bischofskonferenz zum kirchlichen Engagement mit Flüchtlingen. Die Fürsorge für Flüchtlinge und Migranten gehöre zum Selbstverständnis der Kirche, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus seien mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar. Erfreut zeigte sich Erzbischof Becker über die positive Haltung des Großteils der deutschen Bevölkerung gegenüber den geflüchteten Menschen.

Pater Aboud schilderte die bestürzende Situation der Menschen in Damaskus und Syrien. Christen seien besonders durch die Verfolgung und Vertreibung durch den Islamischen Staat betroffen. Das Leben sei von materieller Not, fehlender Stromversorgung, Verteuerung der Lebensmittel und hoher Inflation gekennzeichnet. Kein Tag vergehe ohne Furcht und Zittern vor Raketenangriffen. Viele alte Kirchen seien zerstört. So gut es geht, werde vor Ort Hilfe organisiert. Die Feuerpause der letzten Monate habe für etwas Normalisierung gesorgt. Auf die Frage nach notwendiger Unterstützung antwortete Pater Aboud: Die caritative Hilfe aus Europa kommt an. Wichtig sei aber an erster Stelle, Sicherheit und Frieden herzustellen. Große Hoffnungen richteten sich auf das Engagement Europas für mehr Frieden in Syrien. Wenn der Frieden gesichert sei, könne das Land wieder aufgebaut werden, könnten die Geflüchteten zurückkehren und alle wieder miteinander leben.

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sind sich in der Flüchtlingsfrage aber zutiefst uneins. Professor Dr. Christof Mandry von der Goethe-Universität Frankfurt kritisierte in seinem Vortrag, dass die Mitgliedstaaten der EU sich immer mehr auf den eigenen Vorteil zurückziehen. Die gegenwärtige europäische Debatte sei vom Sicherheitsdenken geprägt. Grundwerte und Menschenrechte als fundamentale Basis des europäischen Handelns würden zurück treten. Die Flüchtlingskrise werde zur Krise der Europäischen Union. Die nationalen Interessen würden die europäische Solidarität, das Vertrauen und die Zustimmung zu Europa untergraben. Die Christen und die Kirchen seien gefordert, sich aus den religiösen Motiven der Nächstenliebe und der sozialen Gerechtigkeit für den Zusammenhalt und die übergreifende Identität Europas zu engagieren. Europa brauche den ethischen Beitrag der Christen für eine gemeinsame europäische Haltung zu Flucht und Migration als auch für eine übergreifende europäische Identität.

Professor Dr. Alexander Nagel, Religionssoziologe an der Georg-August-Universität Göttingen, betonte ebenfalls den kirchlichen Auftrag zum Engagement für die Fluchtmigranten. Es sei eine Kernkompetenz der Kirchen, auf die öffentliche Haltung zu Flucht und Migration Einfluss nehmen zu können. Religiöse Organisationen würden über vielfältige Erfahrungen des Umgangs mit Migranten, interkulturelle Kompetenzen und informelles Wissen verfügen. Für die Integration sollten diese Kompetenzen von Kirchen und Religionsgemeinschaften nutzbar gemacht werden. Dazu müssten sie zu einem großflächigen Engagement, auch in der professionellen Begleitung des Ehrenamts gestärkt werden. Zu beachten sei, dass dieses Engagement nicht zu Exklusion und Ghetto-Bildung führt. Im Gegensatz zu früheren Zuwanderungen, als überwiegend Christen nach Deutschland einwanderten, kommen gegenwärtig zu zwei Dritteln Muslime, vor allem aus Syrien, Irak und Afghanistan.

Professor Dr. Jürgen Manemann, Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover, berichtete von seinen Forschungen vom Dschihadismus junger Männer: Warum ziehen junge Europäer in den Krieg? Für Manemann ist die enthemmte Gewalt der Dschihadisten nur als „aktiver Nihilismus“ verstehbar, der sich aus tiefem Hass speise. Die enthemmte Gewalt der Dschihadisten, begleitet von einem „Todeskult“ sei nicht religiös motiviert. Dschihadisten seien auch nicht psychisch krank, vielmehr würden sie unter einer psychischen Not leiden. Die Motivation für ihr Handeln liege an erster Stelle in einem Gefühl der Leere. Die extreme Gestalt des aktiven Nihilismus verweise auf die Brüche in den kulturellen Grundlagen der Gesellschaft, die zunehmend von Sinnleere geprägt sei.

Professor Dr. Stephan Leibfried referierte im abschließenden Statement zum Umgang mit dem zunehmenden Rechtspopulismus in Deutschland und Europa. Gegenwärtig sei das Phänomen überaus vielschichtig und schwer zu durchschauen. Bekannte frühere Analysen würden nicht greifen. Leibfried betonte, dass nach neueren Studien nicht die Flüchtlingskrise, sondern die Finanz- und Währungskrise beziehungsweise die Steuer-, Haushalts- und Verschuldungspolitik der Regierungen verantwortlich seien. Gegen den Rechtspopulismus müsste diesen Politikbereichen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Grundsätzlich gelte, dass Freiheit, Liberalität und Pluralismus immer anfällig für Populismus seien. Sie müssten von jedem Tag neu erstritten werden. Demokratische Politik habe kein Ende, was in den Debatten der vergangenen Jahre wohl wenig im Bewusstsein gewesen sei.

Erzbischof Becker dankte den Wissenschaftlern für ihr Engagement. Die Tagung sei sehr hilfreich und bereichernd. Für die Herbsttagung 2016 bat er um die Fortsetzung der Diskussionen, dann mit einem Schwerpunkt auf die Praxis gelingender Integration.

Der Sozialwissenschaftliche Arbeitskreis der Kommende Dortmund wurde 1984 von Kardinal Degenhardt und dem damaligen Kommende-Direktor Dr. Reinhard Marx gegründet. Er tagt zweimal jährlich auf Einladung des Erzbischofs von Paderborn. Dem Arbeitskreis gehören international renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Theologie, Sozialethik, Soziologie, Politikwissenschaft, Ökonomie, Recht und Medizin an. Vorsitzender des Kreises ist Monsignore Professor Dr. Peter Schallenberg.

(pdp-n-26.04.2016)

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