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Gerd Bosbach: Wir sollten dem demographischen Wandel sehr gelassen entgegen sehen

Wenn heute von demographischem Wandel gesprochen wird, entstehen in den Köpfen der Menschen sehr schnell Horrorszenarien: eine überalterte Gesellschaft, Altersarmut, Kollaps der Sozialsysteme und schließlich sogar noch eine Spaltung der Gesellschaft. Eine wesentliche Ursache für die Ängste in der Bevölkerung liegt nach Worten von Professor Dr. Gerd Bosbach in der Art und Weise, wie Daten zum Wandel der gesamtgesellschaftlichen Altersstruktur gehandhabt oder auch interessengelenkt gezielt eingesetzt werden. Den Umgang analysierte der Professor für Statistik, Mathematik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz in der Reihe „Profilierte Querdenker im Interview“ am Beispiel der Aussage, dass sich die Anzahl der Erwerbsfähigen in Deutschland von 2013 bis 2060 von 49 auf 34 Millionen und damit um 30 Prozent verringern werde.

Es war unter anderem die CDU im Düsseldorfer Landtag, die angesichts solcher Zahlen Alarm schlug und forderte, sich dringend mit der Entwicklung zu befassen. Der Referent des Abends hat sich die Datensätze auch angeschaut, kommt aber zu ganz anderen Ergebnissen und somit zu anderen Sichtweisen. Im Gespräch mit Kommende-Dozent DDr. Richard Geisen wies Bosbach auf drei wesentliche Punkte hin:
a) Der Rückgang, von dem hier die Rede ist, erstreckt sich über mehr als 45 Jahre. Das bedeutet im Umkehrschluss: Pro Jahr sinkt der Anteil der Erwerbspersonen um weniger als ein Prozent. „Nächstes Jahr müssen 99 das schaffen, was aktuell noch 100 schaffen“, so Bosbach.
b) Es handelt sich um eine Modellberechnung, bei der nicht berücksichtigt worden ist, dass zu der Entwicklung auch ein Rückgang der Bevölkerungszahlen gehört. Das wiederum bedeutet: Es sind auch weniger Erwerbstätige erforderlich, um in die Sozialkassen einzuzahlen, um Dienstleistungen aufrechtzuerhalten und die Wirtschaft insgesamt am Leben zu erhalten.
c) In den Berechnungen wird ein Renteneintrittsalter von 65 Jahren zugrunde gelegt, ohne zu berücksichtigen, dass die Rente mit 67 bereits für 2029 beschlossen ist und bis dahin das Rentenalter nach und nach von einst 65 auf dann 67 hochgesetzt wird.

Wenn man diese drei Faktoren berücksichtigt, liegt nach der Analyse von Bosbach der reale Rückgang bei 0,28 Prozent. Ein Schelm, der Böses dabei denkt? Da stelle sich natürlich die entscheidende Frage, wer daran ein Interesse haben könnte, die Menschen im Land zu verunsichern, meinte der Kommende-Gast. Zum einen sind es nach seiner Darstellung die Privatversicherungen, die sich mit Rentenverträgen á la Riester und Rürup neue oder auch zusätzliche Geschäftsfelder erschließen und damit ihre Bilanzen glänzen lassen möchten. Zum anderen haben aber auch die Unternehmen selbst einen geldwerten Vorteil, da durch den dringenden Appell an die Beschäftigten, heute für die Rente von morgen zu sorgen, sie, also die Firmen, bei den Rentenbeiträgen außen vor bleiben können.

Nun könnte man den Akteuren noch zugutehalten, sie wirtschafteten zwar für ihr Unternehmen, aber der Verbraucher ziehe auch einen gewissen Vorteil aus den privaten Zusatzrenten. Doch auch das, so ließ es sich den Ausführungen entnehmen, bleibt aus. Schlimmer noch: Fachleute sehen vielfach sogar finanzielle Nachteile für eine ganze Reihe von Bürgern, die eine Riester- oder eine Rürup-Rente abgeschlossen haben. Oftmals haben sogar Geringverdienende das Nachsehen. Bosbach betonte, dass das Umlageverfahren hinsichtlich der Rente wieder viel mehr gestärkt werden müsse, letztlich und insbesondere auch, um Altersarmut entgegenzuwirken.

Wenn es um Zahlenwerke und Statistiken geht, betonte Bosbach, müsse man ohnehin erst einmal nachhaken, wer die Erhebung denn in Auftrag gegeben hat. Die allermeisten deutschen Forschungsinstitute seien nun mal privatwirtschaftlich organisiert und unterliegen den Gesetzen der Marktwirtschaft. Wie sehr sich Angst und Sorge um die Zukunft schüren lässt, verdeutlichte der Referent noch an einem weiteren demografischen Beispiel und zwar an den Veränderungen im 20. Jahrhundert. Währenddessen stieg die Lebenserwartung von durchschnittlich 45 auf 75 Jahre. Würde man mit all den Prognosen oder auch Warnungen unserer heutigen Zeit an diese Entwicklung herangehen, dann hätte das 20. Jahrhundert demografisch betrachtet in einem Desaster enden müssen.

Wie mit der Behauptung, Zahlen seien doch „unwiderlegbare Tatsachen“ mitunter irreführende Aussagen konstruiert werden, lasse sich auch anhand der Wehklagen über den bereits vorhandenen oder auf jeden Fall bevorstehenden Ärztemangel belegen, meinte der Referent. Die eigentliche Ursache liege nämlich nicht darin, dass zu wenig junge Menschen Medizin studieren wollen, ohnehin hat Deutschland einen historischen Höchststand von rund 2,8 Millionen Studierenden im aktuellen Wintersemester erreicht. Die Begründung sieht Bosbach im strengen Numerus Clausus, der es vielen Interessierten unmöglich mache, ein Medizinstudium zu beginnen.

Dass eine korrekte Interpretation von Zahlen nicht gehört wird, wenn es gerade nicht ins Bild passt oder niemand die mahnenden Rufe ernst nehmen will, gehört auch zu Bosbachs eigenem Erfahrungsschatz: 1990 hatte er auf den bevorstehenden Lehrermangel hingewiesen. Als die klaffende Lücke eintrat, herrschte Erstaunen. Richard Geisen: „Weihnachten kommt immer überraschend.“

Auch dem geschassten Chef des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge muss es ähnlich ergangen sein: Er hat, so Bosbach, bereits im Frühjahr auf zu erwartende hohe Flüchtlingszahlen hingewiesen.

Theo Körner, Dortmund

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