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Ethik und Migration

Jonas Koudissa: Das afrikanische Flüchtluings- und Migrationsproblem - Eine Herausforderung für Europa und Afrika

Mike Siepmann Das Prokopfeinkommen in seinem Heimatland Kongo-Brazzaville liegt bei 4600 US-Dollar, verfügt es doch über einen Reichtum an Rohstoffen wie Erdöl und Holz. Da müsste eigentlich niemand in Not und Elend leben, schreibt der katholische Sozialethiker DDr. Jonas Koudissa. Doch die Realität sieht ganz anders aus: Drei der vier Millionen Einwohner führen ein Dasein unter der Armutsgrenze. Dabei ist das Land beileibe kein Einzelfall, auch in anderen afrikanischen Regionen sieht es nicht besser aus. Die Folgen erlebt Europa seit geraumer Zeit: Immer mehr Afrikaner suchen hier Zuflucht, auf legalen oder illegalen Wege. Der Sozialwissenschaftler macht in seiner Analyse sowohl lokale, vor allem aber die globalen Strukturen dafür verantwortlich, dass die Menschen den Kontinent verlassen. In seiner Doktorarbeit entwickelt der Theologe auf Grundlage christlicher Überzeugung Prinzipien für eine Ethik der Migration, die von den Leitlinien der Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit getragen sein soll.

Die Kommende, Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn, hat jetzt seine Arbeit gewürdigt und ihm beim Jubiläum zum 65-jährigen Bestehen der Einrichtung einen Sonderpreis verliehen. In seiner Laudatio hob Detlev Herbers, stellvertretender Leiter der Kommende, hervor, dass die Dissertation nicht zuletzt deshalb überzeuge, weil der Autor aufgrund seiner Herkunft über profunde Kenntnisse des afrikanischen Kontinents verfüge, eine tiefgreifende wissenschaftliche Analyse vorlege und auf Ergebnisse eigener Feldforschung zurückgreife. Inzwischen habe Jonas Koudissa damit begonnen, in Brazzaville eine katholische Sozialakademie aufzubauen, um die Forschung weiter nach vorne zu bringen. Herbers sieht Koudissas Engagement im Einklang mit dem Anliegen von Papst Franziskus, der beim 7. Weltkongress zur Migrantenseelsorge an der Päpstlichen Universität Urbaniana auf eine der wesentlichen Botschaften der katholischen Gemeinschaft hingewiesen habe: „Keiner ist fremd, und deswegen soll jeder Mensch mit Würde empfangen werden, denn jeder Mensch verdient eine Stütze.“

Der Autor kam vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland und hat 2013 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Tübingen die Arbeit geschrieben, für die er die Auszeichnung erhalten hat. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die europäischen und afrikanischen Staaten Migration als gemeinsame Herausforderung verstehen sollten und das vorrangige Bemühen darin bestehen müsse, im wirtschaftlichen Bereich gerechte Strukturen zu schaffen. Wenn Menschen Haus und Hof verlassen, dann, so Koudissa, gehen sie nicht nur wegen schlechter Verdienstmöglichkeiten, sondern auch, weil ihnen Perspektiven fehlen und sie woanders auf bessere soziale Sicherungssysteme setzen. Aus der Umfrage, an der Einwohner von Kongo-Brazzaville beteiligt waren, und mehreren Interviews mit afrikanischen Flüchtlingen auf Malta kommt der Autor zu dem Schluss, dass viele Afrikaner ihre Auswanderung nicht als Dauerlösung verstehen, sondern durchaus beachsichtigen, eines Tages wieder zurückzukommen. Zu beachten gelte es auch, wer sich auf den Weg mache, erklärt Koudissa. Das seien meist nicht unbedingt die Ärmsten der Armen, sondern es handele sich oft um Menschen, die „zu der mutigen, aktiven, gebildeten oder kreativsten Schicht des Landes gehören“. Das wiederum werde nicht ohne Folgen für die Strukturen und das Gefüge eines Staates bleiben.

Deutliche Kritik übt der Verfasser an der Abschottungspolitik Europas, die in der Schaffung der Agentur Frontex deutlich werde. Nach seiner Darstellung führt eine Begrenzung legaler Einwanderung dazu, dass illegale Einwanderung zunimmt. Stattdessen solle Europa sich um die Stabilisierung Afrikas kümmern, das führe schließlich auch zu einer Stabilität Europas. So sehr das Schicksal der Bootsflüchtlinge auch die Öffentlichkeit berühre, zeige deren Drama doch nur die Spitze des Eisberges. Die wahre Verschlechterung der Lebensverhältnisse in den Ländern südlich der Sahara lassen sich nach Darstellung von Koudissa kaum erahnen.

Als bedenklich erachtet er das mangelhafte Bemühen der Europäischen Union, mit den Herkunftsländern der Migranten und mit den Auswanderern selbst konstruktiv zusammenzuarbeiten. Denn in den allermeisten Fällen werde ihnen in dem Ankunftsland keine Perspektive geboten. „Während Afrika seine arbeitsfähige Jugend unablässig verliert, sieht Europa in ihr oft nur gefährliche Wirtschaftsflüchtlinge, die Europa mehr auszunützen denn zu nützen drohen“.

Die konkrete Situation in Afrika hat Koudissa vor Augen, wenn er nun eine katholische Akademie in Kongo-Brazzaville gründen möchte. „Erforderlich erscheint eine innere Erneuerung der politischen Elite wie der gesamte Bevölkerung, da jede noch so gute politische Führung ohne eine entsprechend starke Zivilgesellschaft zum Scheitern verurteilt ist.“ Es gehe nicht nur um freie, faire und transparente Wahlen, sondern um einen Neuanfang in einem Staat, in dem sich die Hoffnungen auf einen Demokratisierungsprozess seit Jahren nicht erfüllt haben. Mittlerweile habe sich das Machtzentrum von politischen Kreisen auf die so genannten Logen der Freimaurer verlagert, in Staat und Wirtschaft regiere die Korruption. Kongo-Brazzaville sei aber keineswegs ein Einzelfall, auch in vielen anderen afrikanischen Staaten gehören die politischen Drahtzieher dieser Bruderschaft an, weiß Koudissa. Die „Académie Catholique de Brazzaville“ könne zwar „den historisch und ökonomisch bedingten Zerfall des traditionellen Wertesystems nicht aufhalten“, formuliert der Theologe, der in mehreren deutschen sowie kongolesischen Gemeinden als Pfarrer tätig war und zahlreiche Workshops und Vorträge gehalten hat. Die Akademie solle aber die Menschen in der Umbruchsituation begleiten und sei mit Seminaren, Workshops, Vorträgen und Begegnungen ein Ort, Wege zu erkunden, wie man „dem Kongo zu Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, Demokratie und Good Governance, sozialer Gerechtigkeit und Frieden verhelfen“ könne. Der Bevölkerung komme auf diesme Weg eine maßgebliche Rolle zu, hebt Koudissa hervor, zumal in den Führungseliten der Wille, auch wirklich für demokratische Verhältnisse zu sorgen, nur sehr gering ausgeprägt sei. In seiner Promotionsarbeit führt der Seelsorger den entsprechenden Nachweis.

Gute Chancen für den Erfolg der Akademie sieht Koudissa aus zwei Gründen: Zum einen haben sich nach seinem Dafürhalten auf internationalem Parkett die Vorzeichen geändert. Politikern, die sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder aufgrund von Korruption zu verantworten haben, gelinge es immer seltener ins Ausland zu flüchten, weil potenzielle Aufnahmestaaten aus Angst, selbst vor Gericht gezogen zu werden, nicht aufnehmen. Daher stehe mittel- und langfristig einer Demokratisierung und einer Befriedigung des Landes nichts mehr im Wege. Zum anderen leben im Kongo „noch viele hervorragende Menschen, die auf eine Gelegenheit zur Erneuerung der Gesellschaft warten“.

Auch wenn die Dortmunder Kommende seine Promotion gewürdigt und das Bestreben, eine Akademie aufzubauen äußerst positiv begleitet, bekommt Koudissa auch Gegenwind zu spüren. Kritische Stimmen, nicht wenige davon sind in Deutschland beheimatet, bemängeln, dass es doch eigentlich viel wichtiger wäre, direkt den Ärmsten der Armen zu helfen, um den Hunger zu beseitigen. Solchen Bedenkenträgern entgegnet der Theologe: „Wir wissen, dass es einfacher ist, für Straßenkinder Gelder zu sammeln als für die Umschulung der jetzigen und vor allem der zukünftigen Führungskräfte.“ Aber es sei unfair, Afrikaner als Menschen zweiter Klasse zu behandeln, die keine Werte, sondern nur Brot benötigen. Man lehne es auch ab, einfach die bestehenden Verhältnisse zu verwalten ohne etwas für eine Änderung der Gegebenheiten beizutragen. Das komme auch in seinem Buch zum Ausdruck. „Wenn wir durch unsere Arbeit erreichen können, dass in Afrika auch anders regiert wird, dann hat dies positive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Dann wird es den Ärmsten der Armen auch besser gehen.“

Für die Finanzierung des Projekts hat Jonas Koudissa zwar schon erste Einzelspenden erhalten von der Klett-Stiftung, der Jesuitenmission und der Keb, Katholische Erwachsenenbildung Diözese Rottenburg-Stuttgart. Doch für eine langfristige Absicherung fehlt es noch an Geld. Er sei weiterhin mit möglichen Spendern im Gespräch und hoffe, dass er durch den Dialog das Anliegen der Akademie verdeutlichen könne, erläutert der Theologe. Sie soll durch ihr demokratisches und christliches Selbstverständnis Einfluss nehmen auf die gewünschten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Kongo-Brazzaville.

Theo Körner

Jonas Koudissa: Ethik und Migration, Das afrikanische Flüchtlings- und Migrationsproblem – Eine Herausforderung für Europa und Afrika Aschendorff Verlag 2014, 312 Seiten

erschienen in: Africa positive Nr. 56/15, Seite 14f.

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