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Steuerberatung mit Rückgrat

Foto © Kommende Dortmund „Steuerberater haben nicht mit Steuern zu tun, sondern mit Menschen, die Steuern zahlen“

Steuerberatung und Moral? Beratung mit Rückgrat? Steuerberater haben schwierige Situationen bei der Beratung zu meistern, nicht nur fachlich, auch menschlich.

Zur Diskussion über die ethische Dimension steuerlicher Beratung hat die Kommende Dortmund auch in diesem Jahr wieder aufgerufen. Der Zweite Steuerberatertag im Erzbistum Paderborn horchte nach: Welche ethischen Kriterien können der steuerlichen Beratung Orientierung bieten? Welche Verpflichtungen hat der Berater gegenüber seinem Mandaten und seinem eigenem Gewissen?

Das intensive Seminar befasste sich mit Theorie und Praxis. Impulsreferate und Fallbeispiele aus dem Alltag von Steuerberatern zeigten den rund 40 Teilnehmern des Steuerberatertages Dilemmata auf, die nicht einfach durch den Rückgriff auf rechtliche Vorgaben gelöst werden konnten.

Einladungsflyer 2. Steuerberatertag in der Kommende Dortmund

Fünf hochkarätige Referenten führten die Teilnehmer durch das Programm. Dr. Joachim Wiemeyer, Professor für Christliche Gesellschaftslehre und Diplom-Volkswirt an der Ruhr-Universität Bochum, referierte über ethische Verpflichtungen in der steuerlichen Beratung gegenüber Mandaten und die Auswirkungen auf Dritte. „Beraten mit Scheuklappen?“ Eines machte Wiemeyer klar: Der Steuerberater ist „ein seriöser Sachberater, aber kein willenloses Werkzeug seines Mandanten“. Seine Kategorien unterschiedlicher Dilemma-Situationen gaben den Denkanstoß in den Nachmittag mit konkreten Fallbeispielen.

Professor Dr. Axel Pestke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Steuerberaterverbandes, moderierte die Diskussion über vier reale Fälle aus der Praxis, in denen der Steuerberater zwischen Mandanteninteressen, eigenen Wert- und Moralvorstellungen und stets folgenschweren Auswirkungen auf Dritte abwägen mussten. Mal waren sich die Ehefrauen nicht der Tragweite einer Unternehmensumgestaltung bewusst, mal kollidierten freundschaftliche Bande des Steuerberaters mit einem zu Enterbenden mit dem Mandantenauftrag.

Ein Fallbeispiel thematisierte die legale Abwälzung von Kosten auf die Allgemeinheit. Ort des Geschehens: Eine wohlhabende Familie mit drei Kindern und einem prosperierenden Produktionsunternehmen. Das jüngste der drei Kinder ist behindert und bezieht Leistungen der Grundsicherung gemäß SGB XII. Die Eltern beauftragen den zuständigen Steuerberater, der gleichzeitig Ergänzungsbetreuer des behinderten Kindes ist, dieses zu enterben, um ihr Vermögen und ihr Unternehmen nach ihrem Tod vor dem Zugriff des Sozialhilfeträgers zu schützen. Die Solidargemeinschaft soll also für das behinderte Kind aufkommen und das elterliche Vermögen in den Händen der beiden anderen Kinder unangetastet lassen, obwohl die Eltern durchaus die finanziellen Mittel haben? Um dieses Ergebnis zu erzielen, ist die Aufgabe des zuständigen Steuerberaters, das Vermögen der Familie möglichst gering zu bewerten, um daraus eine ebenfalls geringe Zahlung abzuleiten, und durch diese Zahlung das Gericht dazu zu bewegen, dem Pflichtteilsverzicht des Sohnes zu zustimmen. Das Vorgehen ist völlig legal, abgesichert durch ein Urteil des Bundessozialgerichts und dennoch regt sich das Gewissen mancher Steuerberater. Ist es nicht Sinn solcher Gesetze, dass der Staat dann eingreift, wenn Menschen für elementare Bedürfnisse nicht mehr selber aufkommen können? Weit weniger, um auf Kosten der Steuerzahler das Erbe nicht-behinderter Kinder zu erhöhen. Befangenheit und eine mögliche strafbare Beteiligung an einem Vertrag zu Lasten Dritter werden von einem fachkundigen Publikum abgewogen.

„Spielt in der Familie nur Geld eine Rolle?“ gibt ein Teilnehmer zu bedenken und spricht damit den Hauptbewegrund der Eltern für die Enterbung ihres behinderten Sohnes an. „Ist es rechtlich überhaupt legitim die Allgemeinheit zu belasten?“ fragt ein anderer. Moderator Pestke erkundigt sich in der Runde: Wer kann sich vorstellen nach dem Willen der Eltern zu handeln, und das Kind zu enterben? Etwa die Hälfte der Teilnehmer hebt die Hand, die andere nicht. Deutlicher kann man das Dilemma nicht illustrieren.

Das Ergebnis spiegelt den inneren Konflikt wider, in denen Steuerberater stehen: Er ist dreierlei Seiten verpflichtet. Einerseits seinen Mandaten, also den Eltern des behinderten Kindes, die ihn beauftragt haben, ihren Sohn zu enterben. Gleichzeitig ist er als Ergänzungsbetreuer dem Kind verpflichtet. Zu guter Letzt nimmt der Steuerberater eine hoheitliche Aufgabe wahr und ist auch noch sich selbst und seinem Gewissen verpflichtet. Rechtlich gesehen ist der Pflichtteilsverzicht eines behinderten Sozialleistungsbeziehers nicht sittenwidrig, doch ist es „gewissenswidrig“? Diese Fragen spiegeln nur einen Teil der Gewissenskonflikte wider, die die Teilnehmer des Steuerberatertages nicht nur bei diesem Fall elektrisierten. Nicht zuletzt stellen sich auch existenzielle Fragen nach dem eigenen Interesse als Unternehmer und Selbständiger. Wie wirkt es sich auf die Entscheidung eines eigentlich unabhängig agierenden Steuerberaters aus, wenn ihm gegenüber ein wichtiger und zahlungskräftiger Mandant sitzt? Der Beruf des Steuerberaters bietet Spielräume für ethische Abwägungen und Gestaltungsmöglichkeiten, die kein Gesetz zwingend vorschreibt. Inwieweit diese genutzt werden, hängt davon ab, welche Sensibilität Steuerberater für solche Situationen aufbringen und wie sie diese Gemengelage zu analysieren vermögen.

Nach der kontroversen Diskussion über die Fälle aus der Praxis erweitert eine Podiumsdiskussion das Themenspektrum unter dem Titel „gesetzestreu, loyal und fair“. Michael Steinrücke, Vizepräsident der Steuerberaterkammer Westfalen-Lippe/Münster, verteidigt die Steuerberater mit dem Hinweis, dass - entgegen der medialen Aufmerksamkeit für die großen Steuerhinterzieher und ihre prominenten Gesichter - Steuerberater sich überwiegend an Recht und Gesetz halten, eben „gesetzestreu“ beraten. Wie nun „fair“ in jedem Einzelfall zu bewerten ist, das ist schwieriger zu fassen, wie nicht nur der obige Fall demonstriert.

Kurz vor Ende der Tagung gibt es einen Perspektivwechsel: Neben den Steuerberatern zieht Dr. Clemens Müller-Störr aus unternehmerischer und vor allem aus Mandantenperspektive ein Resümee. Müller-Störr bringt dazu seine langjährige Erfahrung als Leiter der Personalverwaltung eines großen Industriekonzerns sowie persönliche Reflexionen ein. Eine seiner Beobachtungen bei der Diskussion war, dass die Steuerberater durch zusätzliche Annahmen das Dilemma gerne wegrationalisieren wollen, statt es mit seiner vollen Wucht auszuhalten. Er empfiehlt Steuerberatern Authentizität, die Dilemmata anzusprechen und mit dem Mandanten zu klären. Oft sind Steuerberater sich ihres positiven Einflusses gar nicht bewusst. Auch Mandanten wollen nicht zwingend aus den möglichen Alternativen nur den größten finanziellen Ertrag. Steuerberater können sanft führen durch das Abwägung von Langfristigkeit bei der Unternehmensführung, der Warnung vor unumkehrbaren Entscheidungen, etwa die Gründung einer Stiftung zur Enterbung, und dem Einbringen von moralischen Vorstellungen. Leitlinien im Unternehmensleitbild des Steuerberaters legitimieren ihn, bestimmte ethische Aspekte nicht auszublenden, sondern solche mitzubedenken. Letztlich bleibt die Entscheidung selbstverständlich beim Mandanten.

Der Beruf des Steuerberaters ist schon wegen der Komplexität des Steuerrechts kein einfacher. Die kontrovers diskutierten Fälle zeigen, dass Steuerberater in der Praxis oft auch in die Rolle von Unternehmens- und Lebensberater gedrängt werden. Denn eines wurde nach diesem Tag klar: Steuerberater haben nicht mit Steuern zu tun, sondern mit Menschen, die Steuern zahlen.

Jana op den Winkel / Andreas Fisch

Bericht des DStV e.V., Berlin, über die Tagung

Ein 3. Steuerberatertag ist in Planung!

Wenn Sie die Einladung nicht verpassen möchten, dann schreiben Sie bitte an Dr. Andreas Fisch, Leiter des Fachbereichs "Wirtschaftsethik":

 

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