Sozialinstitut
Kommende Dortmund
Brackeler Hellweg 144
D-44309 Dortmund
Telefon 0231 - 20605-0
Telefax 0231 - 20605-80



Impressum
Gütesiegel Weiterbildung
 
Home

5. Sozialakademie in Paderborn begonnen

Sozialakademie 2011


„Europa eine Seele geben“

Sozialakademie 2011 der Kommende Dortmund

 von Anja Kordik

„Ich bin Atanas Šneidaraitis aus Litauen, aus der Diözese Telšiai, zu Deutsch Telsche, im Nordwesten unseres Landes an der Ostseeküste. Am Priesterseminar dort bin ich jetzt im vierten Studienjahr. Und ich bin einfach, lustig – und ich lerne Deutsch!“ So stellt sich der junge, litauische Priesteramtskandidat vor, einer von 18 Teilnehmern der diesjährigen Sozialakademie der Kommende Dortmund für künftige Priester aus Osteuropa.

Zum fünften Mal lädt das katholische Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn Seminaristen aus verschiedenen Ländern des ehemaligen Ostblocks zu einem rund fünfwöchigen Programm ein, um die katholische Soziallehre nicht nur in ihren geistigen Grundlagen und in ihrer Entwicklung bis heute, sondern auch in ihrer Praxis kennen zu lernen: durch Besuche in Kirchengemeinden und Jugendeinrichtungen des Erzbistums, aber auch durch Begegnungen mit Vertretern aus Gesellschaft und Wirtschaft. Ein Höhepunkt wird in diesem Jahr die Teilnahme der Seminaristen am Weltjugendtag in Madrid sein.

Ein entscheidender Aspekt der Sozialakademie - seit ihrem Beginn im Jahr 2007 unter der verbindenden Überschrift „Europa eine Seele geben“ - ist die Zukunft der Kirche in Europa. Ein wesentlicher Themenschwerpunkt in diesem Jahr lautet denn auch „Ecclesia in Europa: Glaubensgemeinschaft in Tradition und Gegenwart. Kirche und Pastoral im europäischen Kontext“. Über Vorträge (von Sozialethikern, Vertretern von Renovabis, Vertretern auch aus Wirtschaft und Politik) und nicht zuletzt in persönlichen Gesprächen setzen sich die jungen Seminaristen mit der Frage nach der kirchlichen Rolle im künftigen Europa auseinander.

Die Teilnehmer der Sozialakademie kommen sämtlich aus Ländern, denen zwar die Erfahrungen aus den Jahrzehnten des Kommunismus gemeinsam sind, die aber trotzdem unterschiedliche gesellschaftliche und kirchliche Prägungen haben. Die Litauer etwa sind mehrheitlich überzeugte Europäer, auch wenn die Wirtschaftskrise auch dort angekommen ist mit negativen sozialen Folgen: hohe Arbeitslosigkeit und steigende Lebensmittelpreise. „Aber wir Litauer sind von unserer Grundhaltung optimistisch“, stellt Atanas Šneidaraitis fest. „Litauen ist und bleibt im übrigen ein sehr katholisches Land. Die kirchliche Tradition ist bei uns noch sehr stark – aber natürlich blicken wir, seit wir 2004 Mitglied der Europäischen Union sind, stärker in Richtung Europa. Und ohne Zweifel kommen gerade aus den westeuropäischen Ländern Säkularisierungstendenzen, denen sich unsere Gesellschaft nur schwer entziehen kann.“ Die katholische Kirche in Litauen reagiert auf diese Entwicklung: Themen wie „missionarische Kirche“, auch Stichworte wie „Neuevangelisierung“ werden in der litauischen Bischofskonferenz besprochen. Besonders gefördert werden auch Konzepte zur Kinder- und Jugendpastoral und ihre Verankerung in den Kirchengemeinden.

Gabriel Christian Anghel, im sechsten Studienjahr am Priesterseminar in Bukarest, bringt vor allem die Erfahrungen katholischer Diaspora mit. In Rumänien, erzählt er, sind nur fünf Prozent der Bevölkerung katholisch. Die Mehrheit der Rumänen ist orthodox. Und die orthodoxe Kirche versteht sich sehr stark als nationale Kirche, pflegt einen großen Stolz auf ihre eigene Tradition. „Da bleibt wenig Raum für die katholische Minderheiten“, so die Erfahrung des Seminaristen.

Dennoch gibt es in Rumänien ein durchaus lebendiges katholisches Leben; die Zahlen beim Priesternachwuchs sind nicht gering: „An unserem Priesterseminar sind wir 120 Kandidaten. Und in meinem Jahrgang sind wir 15. Ich persönlich bin sogar schon insgesamt zehn Jahre am Seminar, weil ich mein Abitur am so genannten Kleinen Seminar gemacht habe.“ Der junge Rumäne wusste also schon immer, dass er Priester werden wollte: Anfang Dezember diesen Jahres wird er seine Weihe zum Diakon empfangen.

Leonardo Šardi stammt aus Kroatien aus dem Bistum Varaždin, das als Suffragenbistum dem Erzbistum Zagreb unterstellt ist: „Unsere Diözese ist ein junges Bistum, wurde erst vor 13 Jahren gegründet. Ich bin am Priesterseminar in Zagreb, wo wir in diesem Jahr 55 Kandidaten aus fünf Diözesen sind.“

Kroatien ist ein Land auf dem Weg in die Europäische Union. Nach fast sechsjährigen Verhandelungen hat die Europäische Kommission Mitte Juni vorgeschlagen, den Weg frei zu machen für einen Beitritt Kroatiens zum 1. Juli 2013. Die Regierung in Zagreb hat sich sehr für eine Aufnahme des Landes in die Europäische Union eingesetzt – und auch die kroatische Bevölkerung hatte lange ein positives Verhältnis zu Europa, erhoffte sich vom EU-Beitritt vor allem wirtschaftliche Impulse. Inzwischen aber sei die Wirtschaftskrise auch in Kroatien angekommen – das ist die Erfahrung des Seminaristen Leonardo Šardi -und damit wachse die Europa-Skepis. Noch immer sei eine Mehrheit der Bevölkerung für einen EU-Beitritt. Viele Kroaten blickten aber auch mit Sorge in Richtung Europa, würden Nachteile – vor allem sozialer Art – befürchten.

90 Prozent der Kroaten sind katholisch. Aber, so Leonardo, seit der Wende und dem Ende des Balkan-Krieges, habe ein „katholischer Formalismus“ zugenommen: „Ich meine damit, die Leute lassen sich taufen, lassen sich kirchlich trauen – aber damit erschöpft sich ihre Glaubenspraxis weitgehend. Aktive Teilnahme am Gemeindeleben, regelmäßige Gottesdienstbesuche – all das nimmt in letzter Zeit spürbar ab.“ Und doch: Unter einer profaner werdenden gesellschaftlichen Oberfläche ist das katholische Element in der Gesellschaft Kroatiens noch immer lebendig: Beim Papstbesuch im Juni diesen Jahres war der zentrale Marktplatz in Zagreb dicht gefüllt. Und 50.000, überwiegend junge Menschen, blieben mit dem Papst 15 Minuten lang in völliger Stille, als zu einer eucharistischen Anbetung eingeladen wurde. „Diese jungen Menschen haben gezeigt, dass Kroatien eine Zukunft hat – und dass auch der Glaube in unserem Land eine Zukunft hat. Niemand hat sie zur Einhaltung der Stille aufgefordert. Sie waren alle eins im Bewusstsein: Wir sind jetzt zusammen mit dem Heiligen Vater – und wir beten in Stille für unser Land und unsere Kirche.“

erschienen in die Tagespost, Nr. 89, 28. Juli 2011



Dialog zwischen Kirche und Kultur

Ein Gespräch mit Monsignore Gergely Kovács vom Päpstlichen Kulturrat in Rom

von Anja Kordik

Seit 1993 besteht der Päpstliche Kulturrat in seiner heutigen Form. Monsignore Gergely Kovács gehört zum Führungsstab des römischen Dikasteriums: als „capo ufficio“, das heißt, „Chef“ des Büros des Kulturrates. Während eines Deutschlandbesuches führte er bei einem Aufenthalt in Paderborn ein mit dieser Zeitung über die Arbeit seiner vatikanischen Behörde sprach.

Mons. Kovacs Worum geht es dem Päpstlichen Kulturrat? Geht es im Sinne des Zweiten Vatikanums um den Dialog zwischen Kirche und Kultur als einem der „autonomen Weltbereichen“?

Monsignore Kovács Wir sind das „Kulturministerium“ des Vatikan, um es auf eine einfache Formel zu bringen. Weitere Kultur-Institutionen am Heiligem Stuhl sind die Vatikanischen Museen und die Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche, die sich um Kirchengebäude, kirchliche Archive und Bibliotheken kümmert. Im Kulturrat hingegen befassen wir uns mit den nicht-materiellen Elementen von Kultur und pflegen ein Kulturverständnis in sehr umfassendem Sinne. Wir haben verschiedene Schwerpunkte: Kirche und Kunst, Kultur und Glauben, Glauben und Wissenschaft. Ein wesentlicher Aspekt ist auch der Dialog mit den Nicht-Glaubenden. Über Jahrhunderte war das Verhältnis von Kirche und Kunst sozusagen symbiotisch, und Kirche war lange der bedeutendste Auftraggeber für Künstler. Wenn wir heute ehrlich sind, ist diese einstige „symphonia“ zwischen Kunst und Kirche einer Spaltung zwischen Kirche und moderner Kunst gewichen. Und da ist es wichtig, Wege für einen Dialog zu finden. Dabei gilt es immer, Balance zu halten, das heißt: einerseits die Eigenständigkeit des Künstlers, seine Kreativität und seine Freiheit zu achten. Auf der anderen Seite hat natürlich auch die Kirche das Recht, wenn sie einen Auftrag vergibt, darauf zu achten, dass die Arbeit des Künstlers in einen gewissen Kanon zu passen hat.

 

Welche bedeutenden Initiativen des Päpstlichen Kulturrates gab es in jüngster Zeit?

Monsignore Kovacs: An erster Stelle möchte ich ein großes Künstler-Treffen im November 2009 nennen, zu dem der Heilige Vater – in Zusammenarbeit mit dem Kulturrat – in die Sixtinische Kapelle eingeladen hatte. Unserem Präsidenten, Gianfranco Kardinal Ravesi, gelang es, zu diesem Anlass dreihundert Künstler aus der ganzen Welt und aus unterschiedlichen Bereichen im Vatikan zu versammeln: Filmregisseure, Architekten, Maler. Beiden, dem Heiligen Vater und Kardinal Ravesi, war es wichtig, einen offenen und unvoreingenommenen Dialog zu führen und bewusst keine Leitlinien vorzugeben. Seitdem hat es sehr viele weitere Anfragen von Künstlern an den Kulturrat gegeben, die Interesse an gemeinsamen Initiativen mit der Kirche haben.

 

Haben sich daraus schon Kooperationen ergeben?

Monsignore Kovács: Ein Ergebnis war Anfang Juli die Eröffnung einer großen Ausstellung im Vatikan aus Anlass des 60jährigen Priesterjubi- läums von Papst Benedikt XVI. Dazu wurden 60 Künstler aus aller Welt ausgewählt, die 60 Werke schufen – ein jedes sollte eines von 60 Priesterjahren illustrieren. Und diese Werke sind noch bis September im Atrium zum Audienzsaal im Vatikan zu besichtigen. Eine weitere, in diesem Jahr neu gestartete Initiative des Päpstlichen Kulturrates ist unsere Aktion „Vorhof der Völker“, eine Initiative zum Dialog mit den Nicht-Glaubenden. Wir führen Dialoge mit Vertretern aus Literatur, Malerei, aber auch Philosophie und anderen Wissenschaften – mit Leuten, die sich selbst als Agnostiker oder Atheisten bekennen. Es kommt zu Diskussionsrunden über gesellschaftlich relevante Themen wie den Einfluss technischer Entwicklungen auf die heutige Gesellschaft. Dieses Dialogprogramm haben wir im Februar 2011 in Bologna gestartet und im März in Paris fortgesetzt. Geplant sind weitere Dialogforen in Bukarest und in nächster Zeit auch in Albanien. Als Kulturrat ist es uns im übrigen auch wichtig, die Anliegen der Ortskirchen nicht zu übergehen und Anliegen zu kulturellen Initiativen, die von den jeweiligen Ortsbischöfen kommen, zu unterstützen und in unsere Arbeit zu integrieren.

 

Seit einiger Zeit ist die Suche nach einer kulturellen Identität für Europa verstärkt Thema. Welche Rolle spielt in diesem Prozess die Kirche, welche Rolle spielt das Christentum für die Zukunft der Kultur Europas?

Monsignore Kovács: Das ist eine ganz wesentliche Frage. Wir müssen unterscheiden zwischen „Kultur“ und „Kulturen“. Für Europa können wir von einer gemeinsamen Kultur sprechen. Da gibt es geistige Grundlagen, die allen Ländern gemeinsam sind. Bei allen Unterschieden, Spannungen, trotz aller Krisen und Kriege in der europäischen Geschichte, trotz aller Vielfalt der Kulturen in Europa gibt es bis heute etwas Verbindendes, das europäisch ist. Zu den gemeinsamen Grundlagen europäischer Kultur gehören ganz sicher die Menschenrechte – mit ihren christlichen Wurzeln. An vielen Orten in Europa ist auch beobachten, dass sich christliche Traditionen erhalten haben: Wallfahrten, Feste wie Libori in Paderborn – all das ist geblieben. Wenn ich dann aber die politische Sphäre in Europa betrachte und mit beobachten muss, dass es sogar schwierig ist, über die christlichen Wurzeln unseres Kontinents überhaupt ins Gespräch zu kommen, dass etwa die Verankerung eines Gottesbezugs im EU-Vertrag gescheitert ist, dann stelle mir schon die Frage: Wo gibt es noch ein breiteres gesellschaftlich-politisches Bewusstsein von den christlichen Fundamenten der europäischen Kultur? Nur wenn ich mir meiner eigenen Identität und ihrer Wurzeln klar bewusst bin, kann ich mich auch positiv auseinandersetzen mit anderen kulturellen Identitäten von Menschen, die von außen nach Europa strömen.


Sie selbst stammen aus Rumänien, wurden dort in einer ungarischen Familie in Alba Julia geboren. Wo sehen Sie Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa?

Monsignore Kovács: Ich möchte sagen: Westeuropa ist bei weitem stärker säkularisiert. In Osteuropa ist der Glaube im Alltag noch heute lebendiger – unbeschadet eines in kommunistischer Zeit staatlich verordneten Atheismus. Inzwischen ist allerdings mehr und mehr eine Art Assimilierung zwischen Ost und West zu beobachten, ein schleichender Mentalitätswandel in den osteuropäischen Ländern, der auch religiöse Traditionen erfasst. Das sehe ich mit Sorge. Da suchen wir als Kulturrat so weit wir können, entgegenzuwirken. Die Kirche kann vieles tun, damit die künftige Gestalt Europas wieder öffentlich stärker betont wird: Kontakte zwischen den europäischen Ländern fördern, Netzwerke schaffen, internationale Treffen mit Künstlern organisieren. Es genügt aber nicht, wenn wir als Kirche gut predigen und die schönen Künste pflegen; wir müssen zeigen, wie sehr wir das, worüber wir reden, wirklich ernst nehmen und leben. Wenn uns das gelingt, glaube ich, dass noch viele Früchte für die europäische Kultur in der Zukunft zu erwarten sind.

erschienen in die Tagespost, Nr. 89, 28. Juli 2011




Sozialinstitut Kommende Dortmund
 
Suche auf der Homepage  
 
 
 
Praktika in der Kommende

 
Unternehmerpreis 2012
 
Amosinternational
AMOSinternational
 
Osteuropa-Forum
 
k.punkt. Das Magazin
 
Kommende-Stiftung