vl..: Detlef Herbers (Kommende), Gaby Schütte (FlexStrat), Ina Hecht (DGB), Klaus Boeckmann (Sozialforschungsstelle), Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse (Uni Vechta)
Empört reagierten Öffentlichkeit und Politik im Herbst vergangenen Jahres über eine Meldung: Eine große Drogeriekette in Deutschland kündigte ihren Mitarbeiterinnen und bot ihnen gleichzeitig an, in einer eigenen Leiharbeitsfirma zu geringerer Entlohnung an ihre alte Arbeitsplatz zurückzukehren. Ein Missbrauch des eigentlichen Anliegens von Zeitarbeit. Die Drogeriekette stellte nach den Protesten die Auslagerung von ordentlicher Beschäftigung wieder ein. Das Beispiel steht für eine sozial zweifelhafte Nutzung der enorm gewachsenen Leiharbeit.
Klaus Boeckmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Kooperation Wissenschaft Arbeitswelt“ der Sozialforschungsstelle Dortmund. Während der Veranstaltung zur Leiharbeit in der Kommende zeigte er anhand detaillierter Zahlen und Fakten die Entwicklung des Arbeitsmarktes im östlichen Ruhrgebiet auf. Die zahlreichen Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Rosinengesprächs nahmen ernüchtert die Fakten zur Kenntnis. Per Saldo ist die Anzahl der Arbeitsplätze im östlichen Revier in den letzten zehn Jahren konstant geblieben. Jedoch gab es massive Verschiebungen zu Lasten von normalen hin zu a-typischen und vielfach prekären Beschäftigungsverhältnissen. A- typisch – damit sind vor allem Teilzeitarbeit, Minijobs und Zeit- bzw. Leiharbeit gemeint, die häufig auch geringer bezahlt werden.
Wurde früher Leiharbeit als Instrument eingesetzt, um mit mehr Flexibilität beispielsweise kranke Arbeitnehmer befristet zu ersetzen und Auftragsspitzen abzufangen, so sind mit den Hartz-Reformen von 2004 die engen Grenzen der Zeitarbeit aufgehoben worden. Unternehmen setzen – neben ihren Stammbelegschaften – verstärkt und kontinuierlich Leiharbeiter ein. Es gibt in der Folge massive Einkommensunterschiede mit gravierenden Konsequenzen: In 2008 bekam ein normal Beschäftigter im Schnitt 18,04 € pro Stunde, einem Zeitarbeiter werden im Schnitt 8,70 € pro Stunde gezahlt. Für Boeckmann ist der Trend eindeutig: Mit einem solchen Einkommen lässt sich kein normales Leben gestalten, ergänzende Hilfen zum Lebensunterhalt aus Steuermitteln sind zunehmend unerlässlich. Hartz-IV entwickelt zu einem ‚Kombilohn’ mit erheblichen Belastungen der kommunalen Haushalte.
Professor Matthias Möhring-Hesse griff die empirischen Daten Boeckmanns auf und bewertete sie aus gesellschaftlicher Perspektive. Der Sozialethiker von der Universität Vechta verwies auf die ursprüngliche Intention des „Gesetzes zur Arbeitnehmerüberlassung“, also von Leih- und Zeitarbeit. Eigentlich sollte zusätzliche Beschäftigung geschaffen und Arbeitslosen der Einstieg in eine normale Beschäftigung erleichtert werden. Durch die zeitliche Entfristung nutzen viele Unternehmen aber die Leiharbeit als ein Instrument externer Flexibilisierung und zur Senkung der Lohnkosten. Möhring-Hesse kritisierte die Entwicklung in vier Aspekten: erstens hat es keinen nennenswerten Beschäftigungseffekt wie angezielt gegeben. Zweitens wird durch geringere Einkommen sowie fehlende Sicherheit und Planbarkeit Arbeit prekär. Hierin liegt ein gesellschaftlicher Sprengstoff, da Erwerbsarbeit doch der sicheren Lebensführung dienen sollte. Drittens verschieben sich durch die Ausweitung der Leiharbeit die Machtverhältnisse in den Betrieben mit nicht kalkulierbaren Risiken, die zur Spaltung der Belegschaft führen können. Er erinnerte viertens an den Grundsatz Katholischer Sozialethik, das Unternehmen als Gemeinschaft von Produzenten zu sehen. Dieser Grundsatz sei der Versuch gewesen, eine friedliche Antwort auf kapitalistische Wirtschaftsordnungen zu geben, ohne den Kapitalismus dabei abzuschaffen. „Eine andere friedliche Antwort haben wir nicht“, so Möhring-Hesse.
Gibt es jenseits von normaler Beschäftigung und Leiharbeit Alternativen, die den Notwendigkeiten der Flexibilität Rechnung tragen. Gaby Schütte ist Mitarbeiterin des Projektes „FlexStrat“, angesiedelt im Kommunalen JobCenter Hamm. Ihr Job besteht darin, Arbeitgeber zu motivieren, sich zu einer Genossenschaft oder GmbH zusammen zu schließen und betriebsübergreifend Mitarbeiter einstellen, um so Produktionsspitzen oder Ausfälle durch gemeinsames Personal ausgleichen zu können. Dabei werden Mitarbeiter tariflich entlohnt. Dieser überbetriebliche Arbeitgeberzusammenschluss arbeitet nicht gewinnorientiert. Diese Idee, so Schütte, ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Im Ausland, insbesondere Frankreich, ist es ein äußerst erfolgreicher Weg mit einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit. In unserem Nachbarland sind mehrere Millionen Menschen in solchen überbetrieblichen Zusammenschlüssen zu normalen Tarifbedingungen beschäftigt.
Die angeregte Diskussion der Beiträge zeigte, dass zwischen den ursprünglichen Anliegen klassischer Zeitarbeit und den Entwicklungen der letzten Jahre genau unterschieden werden muss. Notwendig ist es, die früheren Begrenzungen der Zeitarbeit wieder einzuführen und nach Tariflöhnen zu bezahlen. So können Unternehmen die Flexibilität der Leiharbeit weiter nutzen, ohne das die einzelnen Leiharbeiter und die Gesellschaft darunter leiden.





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