Die Kommende dankt der Siegener Zeitung für die Erlaubnis, ihren Bericht für die Bildungsveranstaltung "Dürfen Zuwanderer unsere Kultur verändern? Sozialethische Reflexionen über Leitkultur, Parallelgesellschaften und Menschenrechte" der Katholischen Bildungsstätte (KBS) Olpe abdrucken zu dürfen.
Siegener Zeitung vom 28. April 2010:
Kultur ist dynamischer Prozess
Dr. Andreas Fisch referierte über Zuwanderer und deutsche Leitkultur
win Olpe. Manchmal bleibt nur, sich zu wundern. So kürzlich, als die Katholische Bildungsstätte (KBS) Olpe einen Vortrag organisiert hatte, der sich mit einem Thema befasste, das nahezu in aller Munde ist, das nicht nur die Stammtische, sondern fast jeden Bürger berührt und zu dem sich wohl jeder eine Meinung gebildet hat: die Zuwanderung in die deutsche Gesellschaft. Dr. Andreas Fisch von der Kommende aus Dortmund war als fachkundiger Referent gekommen, und auf den Zuhörerstühlen der Bildungsstätte an der Friedrichstraße verloren sich sage und schreibe fünf zahlende Zuhörer. Sie erlebten einen vielschichtigen, nachdenklich stimmenden und feinsinnigen Vortrag, der 500 Zuhörer verdient gehabt hätte.
„Dürfen Zuwanderer unsere Kultur verändern?" stand als Überschrift über der Einladung. Dr. Andreas Fisch führte die Zuhörer zunächst aufs Glatteis: Er zeigte das Bild eines bärtigen Turbanträgers und ließ die Zuhörer ihre Eindrücke schildern. Diese fielen recht eindeutig aus: Sie fühlten sich bedroht. „Wenn ich den Turban sehe, denke ich an den Islam", so eine Zuhörerin. Fisch klärte auf: Der abgebildete Mann ist ein ausgebeuteter Arbeiter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, möglicherweise sogar ein Christ.
Dass Menschen, die Angst vor Zuwanderung haben, überwiegend keine Probleme mit Spaniern, Italienern, Griechen oder Tschechen nennen, sondern stets und fast ausschließlich Zuwanderer aus islamischen Staaten ablehnen, zeigte Dr. Fisch anhand von Umfragewerten. Angst vor dem Islam hätten inzwischen 34 Prozent der Befragten, noch vor wenigen Jahren seien es 24 Prozent gewesen. „Wir werfen Islam mit Islamismus, Fundamentalismus, Extremismus zusammen." Extremismus gebe es aber genauso auch in der katholischen oder der evangelischen Kirche - wenn auch ohne Gewaltbereitschaft.
Anhand eines Beispiels verdeutlichte Dr. Fisch, wie sehr mit unterschiedlichem Maß gemessen wird: Niemand käme dazu, zu behaupten, Kardinal Meisner unterstütze die Anschläge in Nordirland. „Muslime müssen sich quasi für jedes islamische Verbrechen weltweit entschuldigen." Er erinnerte daran, dass die christliche Sozialethik von der gleichen Menschenwürde für jeden ausgehe.
Kultur sei kein festes Gut, sondern ein dynamischer Prozess. Daher stünden sich verschiedene Kulturen auch nicht unvereinbar gegenüber. Er nannte als Beispiel das Frauenbild der 50er-Jahre in Deutschland und die Tatsache, dass heute eine Bundeskanzlerin die Regierung führt. Die Frage nach einer Leitkultur stelle sich eigentlich gar nicht, eben weil eine Kultur sich fortwährend ändere.
Der heutige Umgang mit Zuwanderern erinnert laut Dr. Fisch an die Zeit nach 1945 und die Flüchtlinge, die in die Bundesrepublik kamen. „Da gab es Inländerfeindlichkeit", bekräftigte ein Zuhörer. Dr. Andreas Fisch zählte auf: Nahezu bei jeder EU-Erweiterung hätten Skeptiker das Klagelied angestimmt, dass nun die Spanier/ Portugiesen/Polen/Tschechen Deutschland mit ihren Arbeitslosen überschwemmen würden. Passiert sei praktisch nichts.
Dr. Fisch betonte, dass bei jedem Zuwanderer vorausgesetzt werden müsse, dass dieser eine Art „Verfassungspatriotismus" besitze. Verfassung und Grundgesetz müssten der „unhintergehbare Wertekanon" sein, der private Raum biete die Voraussetzungen für eine pluralistische Gesellschaft, Zivilgesellschaft und Parlament stünden als Räume für integrative Konflikte zur Verfügung.
In Sachen Sprache könne man niemandem vorschreiben, was er zu Hause spreche. „Aber wir müssen klarmachen, was besser für das Mitwirken in der Gesellschaft ist. Deutsch zu lernen ist ein Gebot der Klugheit." Allerdings „täten wir gut daran, Türkisch als Fremdsprache zu lehren", denn - ob nun EU-Land oder nicht - die Türkei sei einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands.
Vorwürfe, Zuwanderer neigten zur Ghetto-Bildung, begegnet Dr. Fisch mit der These, dass niemand gern oder freiwillig in Ghettos lebe: „Wer da wohnt, der sucht sich das nicht aus, der bleibt übrig." Anfangs sei das Leben in derartigen Wohnvierteln eine Hilfe für die Betroffenen, später ein Käfig. Er schloss seine Ausführungen mit dem Wunsch nach „mehr Gelassenheit und Neugier" im Umgang mit Zuwanderern. Zudem „müssen wir im Dialog redlich bleiben".
Foto: Dr. Andreas Fisch, hier mit KBS-Mitarbeiterin Christiane Postma, referierte in der Katholischen Bildungsstätte über Integration und Vorurteile; Foto: win
Den Bericht der Siegener Zeitung als PDF HIER!





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