Kommende „Sie sind in 80 Gruppen aktiv und haben über 300 Kontakte im Internet. Wie viele Stunden sitzen Sie dann täglich am Computer, um mit all denen wirklich in Kontakt zu bleiben?“ Diese Frage der älteren Frau spiegelte die Ratlosigkeit vieler wider, wie unverständlich für sie die Lebenswelten Jugendlicher und deren Nutzung des Web 2.0 sind.
„Jugend und Web 2.0. Potenzierung des Individualismus oder neue Formen der Solidarität?“ lautete das Thema des Rosinengesprächs in der Reihe „LebensWert. Im Mittelpunkt der Mensch“. Eingeladen haben Kommende und DGB Region Dortmund-Hellweg. Im Mittelpunkt des Interesses standen zunächst aber die Information über die vielfältigen Möglichkeiten des Internets, die Sozialen Netzwerke, Internetspiele und Jugendschutz. „Niemand gibt einem 8-jährigen eine Auto und sagt: fahr mal. Aber im Internet lassen wir sie ohne Anleitung surfen“, so Leo Cresnar, Referent für Medienarbeit und Medienkompetenz. Mittlerweile sind über 30 Millionen Deutsche Mitglied eines Sozialen Netzwerkes, bei 99 Prozent sieht er keine Gefahren. Cresnar zeigte aber auch Beispiele, wie problematisch sich Jugendliche im SchülerVZ oder StudiVZ präsentieren. Aus Sehnsucht nach Anerkennung machen sie Fehler, geben manchmal Adresse oder Telefonnummer preis, ein gefährliches Spiel. Die Begleitung von Kindern und Jugendlichen, um sich kompetent im Netz bewegen zu können, ist eine dringende gesellschaftliche Herausforderung.
Mediale Umbrüche und Revolutionen hat es immer gegeben, so Alexander Filipović, Sozialethiker am Institut für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster. Er plädierte für einen gelassenen Umgang mit dem Web 2.0. Die Bewertung des Netz müsse den veränderten Prämissen Rechnung tragen. Sie steht in neuen Polaritäten - zwischen Lokalität und Globalität, Privatheit und Öffentlichkeit, Intimität und Distanz, Vertrautheit und Vertrauen. Solche Parameter gilt es in den Sozialen Netzwerken neu zu justieren.
Geht dabei solidarisches Handeln verloren? Filipović sieht keine Beschleunigung eines moralischen Individualismus durch das Web 2.0. Vielmehr beobachtet er durch die „Neusortierung von Privatheit und Öffentlichkeit“ langsam andere Solidaritätsformen sich entwickeln. „Online-Sozialbeziehungen verändern die Offline Sozialbeziehungen nicht entscheidend“. Der Sozialethiker verweist auf eine „hohe Kreativität, mit der das Neue Netz in bestehende soziale Praktiken integriert wird.“
Problematisch ist die Nutzung des Web 2.0 durch Institutionen, wie etwa Gewerkschaften und Kirchen. Sie müssten sich dabei der sozialen Kultur im Netz anpassen. Die Nutzer des Web 2.0 seien keine Empfänger einbahniger Informationen. Sie möchten sich aktiv an Diskussionen und Meinungsbildungen beteiligen. Ansonsten wenden sie sich ab.
Bleibt noch die Antwort auf die tägliche Zeit im Web 2.0. Fatih Ece, DGB-Jugendreferent – er präsentierte eigene Aktivitäten in StudiVZ – surft weniger als eine Stunde pro Tag in Sozialen Netzwerken. Eine Einordnung, die von anwesenden Jugendlichen bestätigt wurde.





Zur Suche im Kursprogramm





