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Keinerlei Denkverbote oder Einschränkungen

v.l.: Erzbischof Hans-Josef Becker, Prof. Dr. Notburga Ott, Prof. Dr. Peter Schallenberg (Vorsitzender des Arbeitskreises), Prälat Dr. Peter Klasvogt (Direktor der Kommende)Kommende1984 hat der damaligen Rektor der Kommende und heutige Erzbischof von München und Freising, Dr. Reinhard Marx, den Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreis der Kommende gegründet. Ihm gehören neben der Leitung des Erzbistums Paderborn renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Disziplinen an. Der Arbeitskreis berät den Erzbischof, der die Wissenschaftler alle sechs Jahre beruft, und die Kommende Dortmund zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen.

Am Wochende traf sich der Arbeitskreis zu seiner jährlichen Sitzung. Im  Mittelpunkt der Beratungen stand die Krise der weltweiten Finanzwirtschaft und ihre Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Lage in Deutschland.

Das 25-jährige Jubiläum war auch Anlass, im Rahmen eine ergänzenden  Treffens Persönlichkeiten einzuladen, die sich der Arbeit der Kommende verbunden fühlen. Erzbischof Becker erinnerte in seiner Bergrüßung  an die Idee „wichtige Fragen der Sozial- und Wirtschaftspolitik zu erörtern und … die katholische Soziallehre in einen fruchtbaren Dialog mit den ihr benachbarten Fachwissenschaften zu bringen. Keinerlei Denkverbote oder Einschränkungen sollte es geben. Gedacht war und ist bis heute an eine von Offenheit und Vertrauen getragene Sachdiskussion, an Impulsreferate aus unterschiedlichen Perspektiven zu einem oder mehreren Themen, an eine gegenseitige Bereicherung der unterschiedlichen Blickrichtungen, aber auch an Kritik und – wo nötig – an Korrekturen. Der Tellerrand des philosophisch-theologischen Denkens sollte und soll überwunden werden; der Mensch mit seinen vielfältigen Fragen, Problemen und Lebensthemen umfassend und ohne ideologische Scheuklappen in den Blick kommen. Daher war und ist die Zusammensetzung des Arbeitskreises bunt und vielfältig – und führt gerade dadurch zu ungemein interessanten Diskussionen.“

Kommende „Soziale Gerchtigkeit im 21. Jahrhundert“ war das Thema der Festvortrags. Prof. Notburga Ott, Lehrstuhl für Sozialpolitik und Öffentliche Wirtschaft an der Ruhr Universität Bochum, zeichnete eine skeptische Perspektive. Die nationalstaatlichen sozialpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten, entwickelt im vergangenen Jahrhundert, kommen an ihre Grenzen. Bisher galten Ordnungsprinzipien wie Subsidiarität und Solidarität als staatliche Aufgaben, nämlich den Primat der Eigenverantwortung zu sichern und dort, wo die Eigenverantwortung nicht eingefordert werden kann, gemeinsame Verantwortung zu übernehmen. Dieses klar nach innen hin gerichtete Konzept nationaler Sozialpolitik steht nun unter dem Druck von Bevölkerungsentwicklung, Verteilung der ökologischen Ressourcen und Globalisierung. Die weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen sowie die Wanderungsbewegungen und die Entwicklung transnationaler Beziehungen stellen die herkömmliche Sozialpolitik vor den Herausforderungen, die bestehenden Verpflichtungen im Generationenvertrag einzuhalten. Die Globalisierung nimmt den Nationalstaaten zunehmend die Möglichkeiten des Zwangs, zum Beispiel durch Gestaltung von Steuern und Abgaben. Diese Situation führt zu Mitnahmeeffekten und Trittbrettfahrern, insbesondere bei steuerfinanzierten Vorleistungen des Staates. Deshalb plädierte Ott für Institutionen und Regelungen, zunächst im Rahmen der EU, die die Mitnahmeeffekte verhindern, indem beispielsweise bei einem Systemwechsel die Schulden mitgenommen werden. Sinnvoll sind ihrer Meinung nach solche Institutionen im globalen Spiel, jedoch wenig realistisch.

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